Kunden der Essener Tafel. Wie dort stehen deutschlandweit rund 1,5 Millionen regelmäßig vor Ausgabestellen der Tafeln. - © picture alliance / Roland Weihrauch/dpa
Kunden der Essener Tafel. Wie dort stehen deutschlandweit rund 1,5 Millionen regelmäßig vor Ausgabestellen der Tafeln. | © picture alliance / Roland Weihrauch/dpa

Bielefeld Warum in Deutschland 1,5 Millionen Menschen auf die Tafeln angewiesen sind

An vielen Mitbürgern geht der derzeitige Wirtschaftsaufschwung total vorbei

Andrea Sahlmen
Martin Krause

Bielefeld. Die Essener Tafel hat mit ihrem spektakulären Aufnahmestopp für Ausländer ein Schlaglicht auf ein Problem geworfen, das den meisten deutschen Wohlstandsbürgern gar nicht bewusst ist. Es gibt bittere Not in Deutschland. Doch wer sind die 1,5 Millionen Menschen, die regelmäßig auf Lebensmittel privater Tafeln angewiesen sind? "Dahin gehen Leute, die bereit sind, ihre Scham zu überwinden", sagt der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. "Es sind Menschen in absoluter Armut, nicht nur Wohnungslose, sondern auch viele Hartz-IV-Empfänger und illegalisierte Migranten ohne Zugang zum Sozialstaat." Alte, Kranke, Alleinerziehende, Flüchtlinge Zu den Ärmsten im Lande, die vom Aufschwung nichts mitbekommen, gehören Alte, Kranke, Alleinerziehende. Aber vor allem auch Flüchtlinge: Gerade diese Gruppe hat die Armutsquoten sprunghaft in die Höhe schießen lassen. "Obwohl in Bayern fast Vollbeschäftigung herrscht, ist gerade hier - wie auch in NRW - die Armutsquote stark angestiegen", sagt Stefan Liebig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Der Soziologe, der von 2008 bis 2017 als "Ungleichheitsforscher" an der Uni Bielefeld lehrte, sieht ein zentrales Problem im mangelhaften Zugang zum Arbeitsmarkt für Zuwanderer. "Ohne geklärten Aufenthaltsstatus können die Menschen nicht erwerbstätig sein", stellt er nüchtern fest. Die Folge sei salopp gesagt oft ein Lagerkoller. Christoph Butterwege, der von den Linken als Kandidat für die Bundespräsidentenwahl nominiert worden war, nennt den sprunghaften Anstieg der Wohnungslosenzahl als Indiz für die Verschärfung des Armutsproblems: Seien 2014 erst 355.000 Bürger ohne festen Wohnsitz gewesen, waren es 2016 bereits 858.000. "Die Flüchtlingsproblematik ist längst noch nicht im Griff, und das war auch absehbar", sagt Butterwegge, der eine "ethnische Unterschichtung der Gesellschaft" befürchtet. Flüchtlinge in Bedrängnis Einig sind sich die Experten, dass die Angst vor einer Abschiebung und die oft lange Dauer der Asylverfahren viele Flüchtlinge in Bedrängnis bringt: Einige tauchen unter, entziehen sich dem Zugriff des Staates und versuchen, sich mit bestehenden karitativen Angeboten durchzuschlagen - sie gehen etwa zu den Tafeln. Andere, ohne Hoffnung auf Zugang zum Arbeitsmarkt, suchen alternative Erwerbsquellen. Manche werden dabei kriminell. In Berlin oder im Ruhrgebiet sind solche Entwicklungen an der Karriere ganzer Familienclans nachvollziehbar. Doch Butterwegge sieht nicht nur Ausländer in Not. Es gebe immer mehr Empfänger staatlicher Leistungen wie Hartz IV oder der Grundsicherung im Alter, die mit dem Geld nicht auskommen - weil die Preise stärker gestiegen sind als die Regelsätze. Die Wohnungsnot in den Metropolen verschärfe das Problem; ein Viertel der Betroffenen seien Kinder, ein Viertel Senioren. Staatliche Leistungen müssten also erhöht werden, Mindestlöhne angehoben und von Ausnahmen befreit werden. Und der soziale Wohnungsbau müsste gestärkt werden. Begrenzte Solidarität Stefan Liebig kann die Reaktion der Essener Tafel, nur noch Deutsche als "neue Kunden" aufzunehmen, zumindest akademisch nachvollziehen: "Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, dass Solidarität sich oft auf Menschen bezieht, denen man sich näher fühlt", sagt er und warnt vor der Faschismus-Keule. Keinerlei Verständnis dafür zeigt Butterwegge. Entweder müssten die Bedürftigsten Vorrang erhalten oder das Los entscheiden. Schon die Wortwahl der Akteure sei befremdlich: Dass der Essener Tafel-Vorsitzende Jörg Sator Syrern und Russlanddeutschen ein "Nehmer-Gen" attestierte, sieht Butterwegge in einem Zusammenhang mit der Tatsache, dass Menschen ohne deutschen Pass ausgeschlossen werden: "Das hat einen rassistischen Beigeschmack". Akzeptabel wäre es allenfalls, wenn gar keine neuen Hilfsempfänger aufgenommen würden - unabhängig von ihrer Nationalität und Herkunft. "Wer in Deutschland ist, muss auch anständig versorgt werden", fordern Butterwegge und Liebig. Obwohl die Experten dies unisono als staatliche Aufgabe ansehen, kann sich zumindest Liebig auch vorstellen, die Tafeln entsprechend zu beauftragen. Denn der Staat hat eine schwache Stelle - er bietet keine Anlaufstelle, die nicht fragt: Wer bist Du - und wo kommst Du her?

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