Düsseldorf Schüler erleben politisches Leben im Landtag

Die etwas andere Schulstunde: 400 Jugendliche, darunter auch Gymnasiasten aus Rheda und Verl, simulieren eine Plenarsitzung

Lothar Schmalen
07.02.2018 | Stand 06.02.2018, 21:19 Uhr

Düsseldorf. Andreas Zibis ist ganz schön aufgeregt, als er an das Rednerpult im Landtag tritt. „Deshalb beantragen wir eine Änderung des Schulgesetzes und damit Kostümzwang am Rosenmontag an allen Schulen in Nordrhein-Westfalen", sagt der 14-Jährige mit leicht zitternder Stimme. Der Gymnasiast aus Rheda-Wiedenbrück hat in dem Planspiel im Düsseldorfer Landtag die Rolle des „fraktionslosen Abgeordneten Sonntag" übernommen. Gemeinsam mit anderen „Abgeordneten" bringt er die zur närrischen Jahreszeit passende Gesetzesänderung in den Landtag ein. Die Klasse 9a des Rhedaer Einsteingymnasium ist ebenso wie eine 9. Klasse des Gymnasiums Verl Teil der insgesamt 400 Schüler von zwölf Gymnasien, Gesamt- und Realschulen aus ganz Nordrhein-Westfalen, die am ersten Aktionstag „Landtag macht Schule" teilnehmen. Drei Stunden lang lernen sie, wie parlamentarische Demokratie funktioniert. Den Landtag direkt erleben Dass die etwas andere Schulstunde im Plenarsaal des Landesparlaments direkt am Rhein nicht langweilig, sondern wirklich unterhaltsam wird, dafür sorgt Thomas Schneider vom Besucherdienst des Landtags. Er ist einer von fünf Mitarbeitern des Besucherdienstes im NRW-Landtag, die insgesamt rund 70.000 Besucher jährlich betreuen. Schneider verteilt am Vormittag und am Nachmittag je 200 Schüler auf die Sitze der Abgeordneten, schön sortiert nach Fraktionen. Wer zufällig auf den Plätzen von CDU-Fraktionschef Bodo Löttgen oder SPD-Fraktionschef Norbert Römer landet, ist auch in der simulierten Plenarsitzung der Chef seiner Fraktion. Auffällig: Unter den „Abgeordneten" sind deutlich mehr Mädchen, als im echten Landtag Frauen sitzen. Den ersten Schmunzler gibt es, als Schneider die Schüler, die sich irrtümlich Sitzplätze auf der Regierungsbank ausgesucht haben, wieder verscheucht. „So weit sind wir noch nicht", sagt er streng, aber nicht ganz ernst gemeint. Erst als alle „Fraktionen" vollständig Platz genommen haben, werden auch die Rollen Parlamentspräsident (aus den Reihen der stärksten Fraktion, der CDU), Ministerpräsident, (CDU) stellvertretender Ministerpräsident und Schulministerin (beide FDP) an die Schüler verteilt. „SPD-Fraktion" fordert gleiche Kostüme für alle Als dann der „Parlamentspräsident" die Sitzung mit einem kräftigen Glockenschlag eröffnet, da diskutieren die „Sprecher" der verschiedenen Fraktionen eifrig. Während der junge „CDU-Vertreter" statt des Kostümzwangs doch lieber für Schulfrei am Rosenmontag an allen NRW-Schulen eintritt, fordert die „SPD" Einheitskostüme für alle Schüler, damit nicht die Schüler aus finanziell gut situierten Elternhäusern im Vorteil sind, nur weil sie sich schönere Kostüme leisten können.Gegen jeden Zwang argumentiert der „FDP-Sprecher". Jeder Schüler müsse selbst entscheiden, ob er am Rosenmontag im Kostüm oder nicht erscheinen wolle. Die „Fraktionssprecherin der Grünen" plädiert dafür, dass nur Kostüme aus ökologisch und fair hergestellten Stoffen erlaubt sein sollen. Der „Sprecher der AfD" – die Rolle war dem 15-jährige Enes Dede vom Rhedaer Einstein-Gymnasium zugefallen – fordert erst einmal eine Experten-Anhörung, damit auch die Betroffenen, also Schüler, Eltern und Lehrer zu Wort kommen könnten. „Das hier mal live zu erleben, ist schon was anderes als der normale Unterricht", meint Enes hinterher bei einem Glas Cola in der Wandelhalle vor dem Plenarsaal, fast schon staatsmännisch. Mehr zufällig sind die 26 Schüler des Rhedaer Gymnasiums auf den Sitzen von FDP- und AfD – die beiden Fraktionen sitzen im Landtag nebeneinander – gelandet. In der letzten Reihe – quasi als Hinterbänkler – sitzen die beiden Politik-Lehrer Claudia Barten und Christian Pfeil, die das Geschehen aufmerksam verfolgen. Am Ende stimmt der jüngste Landtag aller Zeiten gegen den Kostümzwang. Der Aktionstag, der vielleicht jetzt öfters im Landtag stattfinden soll, geht zurück auf die Initiative von Landtagspräsident André Kuper (CDU, Rietberg), der die Zahl der Besuche von Schülern im Landtag deutlich erhöhen möchte. Kuper und die drei Vize-Präsidenten des Landtags, Carina Gödecke (SPD), Angela Freimuth (FDP) und Oliver Keymis (Grüne) bereisen auch selbst Schulen im ganzen Land. „Die persönlichen Begegnungen mit Schülern sind mir sehr wichtig", sagte Kuper, der sich auch gestern viel Zeit genommen hatte, um nach der simulierten Plenarsitzung im Landtag mit Jugendlichen zu diskutieren. Mit dabei auch die Vizepräsidenten Goedecke und Keymis. „Warum stimmen Sie im 21. Jahrhundert mit Handzeichen ab?" Es dauert ein wenig, bis die 14- und 15-Jährigen auf ihren ungewohnten Plätzen warm werden. Doch dann löchern sie Kuper und seine Präsidiumskollegen regelrecht mit Fragen: Warum ist der Landtag in Düsseldorf und nicht in Köln? Was hat der Bau hier gekostet? Wie lange dauert es, bis ein Gesetz fertig ist? Wie stehen Sie zur GroKo? Was sagen Sie zum Thema G8/G9? Wie sieht Ihr Arbeitstag aus? Macht Ihnen der Job Spaß? Warum wird hier im 21. Jahrhundert noch mit Handzeichen abgestimmt? – Die Fragestunde rauscht schließlich schnell vorbei. Der echte Präsidenten des Landtags entlässt die unechten Abgeordneten nicht, ohne ihnen noch einmal einzuschärfen, dass die Demokratie und ihre Freiheiten nicht selbstverständlich sind. Und dass diese Demokratie nur funktioniert, wenn möglichst viele Menschen, auch junge, sich engagieren und mitgestalten.

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