Meldung: Schüler sitzen in einer Grundschule während einer Mathe-Übung vor der Tafel. - © picture alliance / Marcel Kusch/dpa
Meldung: Schüler sitzen in einer Grundschule während einer Mathe-Übung vor der Tafel. | © picture alliance / Marcel Kusch/dpa

NRW NRW-Schulministerium prüft Kehrtwende bei Schulempfehlungen

FDP-Ministerin Yvonne Gebauer denkt über die Rückkehr der verbindlichen Gutachten nach. Eltern und Lehrer sind gespalten. Eine endgültige Entscheidung ist noch nicht getroffen

Dennis Bleck

Düsseldorf. In diesen Tagen bekommen viele Viertklässler in Nordrhein-Westfalen wieder die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen. Bindend sind sie für die Eltern nicht. Aber sie könnten es wieder werden: Denn NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) denkt darüber nach, verbindliche Grundschulempfehlungen einzuführen - diese gab es zuletzt 2011. Lehrer aller Schulformen hätten diesen Wunsch geäußert, sagte die 51-Jährige. Es sei also legitim, dass die Landesregierung darüber nachdenken dürfe, so Gebauer. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erteilte den Überlegungen bereits eine Absage: "Der Elternwille darf nicht komplett übergangen werden", erklärte die NRW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer auf Nachfrage dieser Zeitung. Auch die Lehrergewerkschaft VBE äußerte sich kritisch. Der VBE-Vorsitzende Stefan Belau betont, dass ein faires Schulsystem nur funktioniere, wenn Eltern und Lehrer gemeinsame Entscheidungen träfen. Hoher Leistungsdruck für Dritt- und Viertklässler Birgit Völxen von der Landeselternschaft der Grundschulen sagte: "Angesichts des eklatanten Lehrermangels ist eine verbindliche Empfehlung nicht hinnehmbar." Schon jetzt sei es fast ein Glücksfall, wenn Kinder von gut ausgebildeten Lehrern unterrichtet würden. Auch der Grünen-Landesvorsitzende Felix Banaszak warnte vor einer Rückkehr zu verbindlichen Schulempfehlungen: "Stress und Leistungsdruck in den dritten und vierten Klassen würden noch größer", sagte er. Das sei auch nicht im Interesse der Grundschullehrer. Zuspruch erhielt Gebauer hingegen von Ulrich Czygan. "Aus Sorge um die Qualität der Bildung sind wir bereit, eine Einschränkung der elterlichen Freiheit hinzunehmen", sagte der Vorsitzende der Landeselternschaft der Gymnasien. Solange viele Kinder auf weiterführenden Schulen nicht richtig lesen, schreiben und rechnen könnten, sei mehr Verbindlichkeit nötig. Andrea Heck, Vorsitzende des Elternvereins NRW, hebt hervor, dass es bei Entscheidungen über weiterführende Schulen um das Wohl der Kinder und nicht die Interessen der Eltern gehen sollte. Abbrecherzahlen an Gymnasien steigen drastisch Ein Sprecher des NRW-Schulministeriums verwies darauf, dass noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen seien. Allerdings würden im Rahmen des sogenannten Masterplans zur Reform der Grundschulen alle Bereiche analysiert. Dazu gehörten auch die Grundschulgutachten. Der Plan soll in diesem Jahr vorgelegt werden. Bis 2006 konnten Eltern in NRW frei über die gewünschte Schulform ihrer Kinder entscheiden. Nach dem Amtsantritt der damaligen CDU/FDP-Regierung wurde die Verbindlichkeit des Grundschulgutachtens erhöht. Hatte das Kind beispielsweise nur eine eingeschränkte Empfehlung für das Gymnasium, gab es ein verpflichtendes Beratungsgespräch an der gewünschten Schule. Danach konnten die Eltern weiter frei entscheiden. Die Zahl der Abbrecher am Gymnasium nach der sechsten Klasse sank während der CDU/FDP-Regierungszeit von einem Höchststand von 3.360 Schülern im Jahr 2007 auf knapp 2.190 im Jahr 2011. Mittlerweile steigt sie wieder drastisch: Genau 2.773 Abbrecher gab es im Jahr 2016 - das sind 27 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. "Am Gymnasium scheitern aber keineswegs nur die Kinder, die keine Gymnasialempfehlung hatten", sagte GEW-Landesvorsitzende Schäfer. Ihrer Meinung nach sei es ohnehin viel zu früh, im Alter von neun Jahren über den möglichen schulischen Bildungsgang eines Viertklässlers zu entscheiden. In Berlin wechseln Grundschüler beispielsweise erst nach der sechsten Klasse auf eine weiterführende Schule.

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