Die Pharmazeuten in Westfalen-Lippe warnen vor einem weiteren Rückgang der Apotheken. - © dpa
Die Pharmazeuten in Westfalen-Lippe warnen vor einem weiteren Rückgang der Apotheken. | © dpa

Münster/Steinfurt Digitale Ideen gegen das Apothekensterben

Innovation: Der Kreis Steinfurt wird Modellregion für ein neues Projekt in Westfalen-Lippe.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Münster/Steinfurt. Die Apotheker in Westfalen-Lippe warnen vor einem Apothekensterben und einer Gefährdung der flächendeckenden Versorgung, insbesondere auf dem Land. Der Grund: Die Zahl der Apotheken ist im zwölften Jahr in Folge rückläufig und liegt derzeit bei 1.973 Betriebsstätten. Das ist der niedrigste Stand seit Ende der 1980er-Jahre. Der Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL), das Netzwerk Gesundheitsregion EUREGIO und die Universität Osnabrück möchten dieser Abwärtsspirale mit dem Projekt „Apotheke 2.0" entgegenwirken. Modellregion soll der Kreis Steinfurt werden. „Ziel ist es, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, um den Menschen in ländlichen Regionen sinnvolle Versorgungsangebote zu machen und damit einen Umzug ins Pflegeheim oder stationäre Krankenhausaufenthalte so lange wie möglich zu vermeiden", erklärt der Leiter des Fachgebiets für Unternehmensrechnung und Wirtschaftsinformatik an der Universität Osnabrück, Frank Teuteberg. Entwicklungsfelder könnten zum Beispiel in der Vollversorgung multimorbider Patienten oder in der IT-gestützten Dauermedikation durch Überwachen von Therapieabläufen liegen. Auch die Erweiterung des Apotheken- Serviceangebots für Pflegeeinrichtungen, pflegende Angehörige und Pflegebedürftige sei denkbar. Eine zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung übernimmt die Apotheke vor Ort laut AVWL-Vorsitzenden Klaus Michels vor allem aufgrund ihrer Niederschwelligkeit: „Häufig ist der Apotheker im Dorf der einzige verbliebene Ansprechpartner für gesundheitliche Probleme." Besonders für die wachsende Gruppe der älteren, weniger mobilen Menschen, die gleichzeitig einen hohen pharmazeutischen Betreuungs- und Beratungsbedarf hätten, sei diese Anlaufstelle unerlässlich. „In Apotheken arbeiten Gesundheitsexperten, die in der Regel sehr gut einschätzen können, wann ihre Patienten weitergehende Unterstützung benötigen", ergänzt AVWL-Geschäftsführer Hans-Jürgen Simacher. Projekt mit Lotsenfunktion Das Projekt „Apotheke 2.0" möchte diese Lotsenfunktion nutzen, um die digitale Vernetzung der unterschiedlichen Akteure im Gesundheitssystem zu verbessern. „Nur wenn sämtliche Beteiligten Hand in Hand arbeiten, vom Arzt über den Apotheker bis hin zum Pflegedienst, können wir eine möglichst hohe Behandlungsqualität erreichen", sagt Simacher. Im Gegensatz zu reinen Online-Angeboten bleibt der Fokus der „Apotheke 2.0" aber auf den individuellen Bedürfnissen der Patienten. „Unser Anspruch ist es, analoge und digitale Angebote dahingehend sinnvoll und intelligent zu verknüpfen, dass einer Entmenschlichung der Versorgung auf dem Land entgegengewirkt wird", sagt Simacher. Schließlich sei der Apotheker vor Ort für viele ältere Menschen nicht nur Gesundheitsexperte, sondern auch Vertrauensperson und Anlaufstelle. Wichtig ist den Projektverantwortlichen die Übertragbarkeit der Ergebnisse. „Die Tools und Konzepte, die im Projekt entwickelt werden, sollen am Ende Apotheken in sämtlichen Regionen des Landes nutzen können", erklärt Teuteberg.

realisiert durch evolver group