Grundschullehrerin Astrid Weigmann zeigt die Lateinische Ausgangsschrift, die vereinfachte Ausgangsschrift, die Grundschrift und die Druckschrift. - © Peter von Kageneck
Grundschullehrerin Astrid Weigmann zeigt die Lateinische Ausgangsschrift, die vereinfachte Ausgangsschrift, die Grundschrift und die Druckschrift. | © Peter von Kageneck

Bielefeld Die Handschrift ist vom Aussterben bedroht

Bildung: Im Alltag und im Beruf spielt Handgeschriebenes kaum noch eine Rolle. Auch Kinder schreiben weniger und tippen mehr. Zum internationalen Tag der Handschrift warnen Experten vor einem Verlust der Kulturtechnik.

Carolin Nieder-Entgelmeier
23.01.2018 | Stand 23.01.2018, 13:02 Uhr

Bielefeld. Einkaufszettel, Postkarten, Geburtstagswünsche oder ein kurzer Gruß an einen geliebten Menschen: Handschriftliche Notizen sind trotz zunehmender Nutzung von Smartphones, Tablets und Computern noch nicht ausgestorben, aber die Bedeutung der Handschrift nimmt ab. Das gilt nicht nur für Berufstätige im Stress, sondern auch für Kinder und Jugendliche, die zunehmend Probleme beim Schreiben haben. Zum internationalen Tag der Handschrift verweisen Bildungsexperten auf die Bedeutung der Kulturtechnik und auf Probleme in Schulen hin. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des 2012 gegründeten Schreibmotorik Instituts in Heroldsberg, ist sich sicher: Es geht beim Handschreiben nicht nur um eine schöne, aber verzichtbare Kulturtechnik – sondern um Bildungschancen. Diaz Meyer verweist auf Erkenntnisse der Neurowissenschaft, dass das Schreiben mit der Hand die Entwicklung des Gehirns fördert. Auch die Bielefelder Graphologin Rosemarie Gosemärker bestätigt: „Die Erinnerungsleistung derer, die mit der Hand schreiben, ist erheblich besser. Das liegt daran, dass das Schreiben das Gehirn ganzheitlich aktiviert." Die Handschrift als Denkwerkzeug. Als Beispiel nennt Diaz Meyer den klassischen Spickzettel: „Wer ihn von Hand geschrieben hat, muss ihn oft nicht einmal mehr benutzen, weil er sich den Inhalt bereits eingeprägt hat." Tippen gehe zwar schneller, hinterlasse aber im Gehirn weniger Spuren. „Die Handschrift fördert die motorischen Fähigkeiten von Kindern." Die Herforder Ergotherapeutin Christina Pust verweist zudem auf die Vorteile für die Motorik: „Die Handschrift fördert die motorischen Fähigkeiten von Kindern." Deshalb sollten Lehrer und Eltern sofort reagieren und professionelle Hilfe suchen, wenn Kinder Probleme damit haben einen Stift zu halten oder Probleme mit der Hand-Augen-Koordination haben. „Schreibprobleme können viele Ursachen haben." Die Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) bewertet die Handschrift als elementar für erfolgreiches Lernen. „Es ist ein Irrglaube, dass Computer, Tablets oder Smartphones die Handschrift überflüssig machen. Mit der Hand das Schreiben zu lernen fördert die motorische und kognitive Entwicklung", erklärt die stellvertretende VBE-Vorsitzende in NRW, Anne Deimel. Die Rektorin einer Grundschule in Arnsberg warnt gleichzeitig davor, das Schreiben mit der Hand oder am Computer als Methoden gegeneinander auszuspielen. „Für Schüler sind beide Wege notwendig. Handschrift muss gelehrt und moderne Medien dürfen nicht ignoriert werden. Beide Fähigkeiten muss Schule fördern", sagt Deimel. Neben der Bedeutung der Handschrift wird auch über die Rolle der Schreibschrift diskutiert. NRW und viele andere Bundesländer haben die Grundschrift an Grundschulen etabliert. Dazu heißt es vom NRW-Schulministerium: „Der Schrifterwerb ist fest in den kompetenzorientierten Lehrplänen verankert: Kinder beginnen mit einer Druckschrift und sollen am Ende der Grundschule über eine verbundene Handschrift verfügen." Vorgaben dazu, welche Schreibschrift gelehrt werden soll, gibt es allerdings nicht. Diese fehlenden Vorgaben und der Trend, dass Kinder generell weniger schreiben, habe nach Angaben von Diaz Meyer dazu geführt, dass Schüler zunehmend Probleme damit haben leserlich und ausdauernd zu schreiben.

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