Politik-Experte: Wolfgang Merkel (65) leitet die Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin. Seinen ersten Uni-Job hatte er in Bielefeld. - © WZB/David Ausserhofer
Politik-Experte: Wolfgang Merkel (65) leitet die Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin. Seinen ersten Uni-Job hatte er in Bielefeld. | © WZB/David Ausserhofer

Politik Themenwoche "Heimat": Interview mit dem Politologen Wolfgang Merkel

Politologe Wolfgang Merkel erklärt, warum die Rückbesinnung zur Heimat nicht nationalistisch sein muss. Merkel (65) leitet die Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin. Seinen ersten Uni-Job hatte er in Bielefeld.

Sigrun Müller-Gerbes
23.10.2017 | Stand 28.10.2017, 18:49 Uhr

Herr Merkel, seit der Bundestagswahl entdecken viele Parteien ein Thema, das im Wahlkampf offensiv nur von der AfD besetzt wurde: Heimat. Die CDU richtet Heimatministerien ein, die SPD will eine moderne Heimatpartei werden und die grüne Spitzenkandidatin redet von Heimatliebe. Ist das nur ein hilfloser Versuch, auf die Erfolge der Rechten zu reagieren oder treffen die Parteien damit ein Thema? Wolfgang Merkel: Beides. Der Begriff ist über Jahrzehnte in Quarantäne gewesen, als Reaktion auf unsere Geschichte. Jetzt aber gibt es breite Gruppen in der Bevölkerung, die mit dem raschen Wandel ihrer Lebenswelt nicht zurechtkommen. In Zeiten des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels und der zunehmenden Vielfalt unserer Gesellschaft steigt die Nachfrage der Bürger nach Identität und Geborgenheit, also Heimat. Also ist Heimat ein Bedürfnis derer, die im raschen gesellschaftlichen Wandel Orientierung suchen? Merkel: Wir haben in den oberen Gruppen der sozialen Leiter hoch ausgebildete, gut verdienende und kulturell divers ausgerichtete Menschen, die ich Kosmopoliten nenne. Die kommen überall auf der Welt zurecht. Sie sind auf den Wandel eingestellt, sie treiben ihn und sind auch dessen größte Nutznießer. Auf der anderen Seite haben wir aber immobilere Gruppen von Menschen, die auf regulierte nationale Arbeitsmärkte und heimatlich geschützte Umgebungen angewiesen sind. Der von ihnen nicht beeinflussbare Wandel ihrer Umgebung wird als Entzug der Heimat empfunden. Weil sie zum Arbeiten nicht mal eben nach New York können? Merkel: Die das können, sind Extremfälle. Sie arbeiten mal in New York, dann in Zürich, Rom oder Peking. Aber auch die oberen Mittelschichten – Anwälte, Ärzte, Professoren, Journalisten – haben es leicht, den gesellschaftlichen Wandel und die Öffnung der Grenzen zu begrüßen und von ihm zu profitieren. Auf der anderen Seite stehen die, die sagen: Wir wollen uns in unserer Lebenswelt zurechtfinden. Wir wollen gerne in ihr leben, und wir wollen mitsprechen, wie stark Grenzen fallen dürfen und wie schnell sich unsere Umgebung verändert. Sie sehen da regelrecht eine gesellschaftliche Spaltung? Merkel: Eindeutig. Sie läuft nicht wie früher zwischen politisch links und rechts. Es ist eher eine kulturell definierte Konfliktlinie zwischen Kosmopoliten – Grenzen auf für alle und alles – und denen, die ich Kommunitaristen nenne. Die wollen Grenzen stärker schließen. Und Deutschland gegen Fremde abschotten? Merkel: Unter den Kommunitaristen gibt es zwei Varianten. Die nationalistisch-chauvinistische, die den Nationalstaat rigide abschirmen will. Sie sind gegen Asylsuchende, Flüchtlinge und Andersgläubige. Es gibt aber auch Kommunitaristen, die sagen: Gesellschaft ist dann lebenswert, wenn sie auch eine gelebte Gemeinschaft ist. Die das Gefühl der Zugehörigkeit betonen. Gemeinschaft und Zugehörigkeit heißt wechselseitiges Vertrauen, Verstehen, Solidarität, Mitbestimmung und letztendlich Heimat. Bedeutet nicht diese Betonung der Gemeinschaft auch Abgrenzung und Ausgrenzung? Merkel: Bis zu einem gewissen Grad ist Abgrenzung legitim. Sie muss keineswegs chauvinistisch sein und darf schon gar nicht fremdenfeindlich sein. Liberale und Linke haben sich lange darauf zurückgezogen, dass das Grundgesetz als Leitidee von Heimat genügt. Ich nehme mich da nicht aus. Das genügt aber nicht. Es gehört noch mehr dazu, zum Beispiel eine Umgebung, in der man gerne lebt. Wenn sich Menschen etwa wehren, weil zu viele Flüchtlinge die Nachbarschaft, Schulen und Lebenswelt rasch und drastisch ändern, kann man ihnen nicht mit kosmopolitischem Hochmut aus den privilegierten Vierteln zurufen: Das müsst ihr hinnehmen, es gibt keine Obergrenzen, seid tolerant. Man muss die Ängste ernst nehmen. Tut man das nicht, fühlen sich immer mehr Menschen nicht mehr zuhause und suchen bei Rechtspopulisten ihre Heimat. Halten Sie die beschriebene Spaltung für überwindbar? Merkel: Im Grundsatz kaum. Aber politisch praktisch müssen beide Seiten aufeinander zugehen. Wir müssen Kompromisse finden. Die finden wir aber nicht, wenn die Kosmopoliten mit belehrender Hybris auftreten. Und es geht nicht, dass gerade die, die offene Grenzen predigen, die geringsten Lasten zu tragen haben, und jene, die sie nicht wollen, die größten. Sondern? Merkel: Toleranz gerade gegenüber dem Fremden ist ein hoher Wert. Aber diese Toleranz müssen die, die an ihrer hergebrachten Heimat hängen, nicht von den Kosmopoliten gelehrt bekommen. Sie können sie selbst lernen, wenn sie über ihre Heimat selbst bestimmen dürfen. Wenn die weniger privilegierten Schichten nur die Kosten auf Arbeits- und Wohnungsmarkt, in den öffentlichen Schulen oder der öffentlichen Sicherheit zu tragen haben, werden sie sich nicht zurechtfinden. Das ist dann nicht mehr ihre Heimat.

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