Momentaufnahme: Grünfinken bei der Balz, aufgenommen von dem Löhner Fotografen Siegfried Harre. - © Siegfried Harre
Momentaufnahme: Grünfinken bei der Balz, aufgenommen von dem Löhner Fotografen Siegfried Harre. | © Siegfried Harre

Bielefeld Vogelsterben: Was Bürger gegen den Rückgang tun können

NABU-Präsident Olaf Tschimpke spricht vom regelrechten Vogelsterben. Doch Bürger können helfen

Janina Raddatz
20.10.2017 | Stand 19.10.2017, 21:41 Uhr

Bielefeld. Laut einer aktuellen Auswertung des Naturschutzbundes (NABU) hat Deutschland in nur zwölf Jahren 12,7 Millionen Vogelbrutpaare verloren. Diese Zahl bezieht sich auf die Jahre 1998 bis 2009 und ist aus einer Auswertung der Vogelbestandsdaten entstanden, die die Bundesregierung 2013 an die EU gemeldet hat. NABU-Präsident Olaf Tschimpke fasst zusammen: „Während wir es schaffen, große und seltene Vogelarten durch gezielten Artenschutz zu erhalten, brechen gleichzeitig die Bestände unserer Allerweltsvögel ein." Andreas Schäfferling, Vorsitzender des NABU Bielefeld, kennt diese Fakten. Er plädiert dafür, das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Natur zu schaffen und benennt das Problem: „Das große Insektensterben wird oft thematisiert. Wer in dem Punkt aufmerksam ist, merkt zum Beispiel auch schnell, dass die Windschutzscheibe des Autos beim Fahren auf der Autobahn nicht mehr voll mit Insekten ist, wenn man anhält." Der Insektenbestand werde immer kleiner, weil die Landwirtschaft durch den großflächigen Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln jede Menge Pflanzen vernichte. Denn viele davon fallen unter den Bereich des Unkrauts. Da Insekten auf Wiesen und Feldern lebten, werde ihr natürlicher Lebensraum dadurch zerstört. „Wo keine Insekten mehr sind, sind auch irgendwann keine Vögel mehr", so Schäfferling. Mohn, Brennnessel, Kornblume – wenn der Bestand dieser und weiterer Pflanzen zurückgehe, hätten Insekten und somit auch Vögel, die sich von Insekten ernähren, keine Nahrungsquelle mehr. Mehr Wildnis im eigenen Garten dulden Auch Franz Stockmann, Leiter des Regionalforstamtes Ostwestfalen-Lippe, spricht von einem „dramatischen Rückgang" des Insektenbestandes. Doch man müsse unterscheiden zwischen Wald und Feld: „Im Lebensraum Wald ist eine Erfolgsgeschichte beim Vogelschutz zu finden: Hier liegen uns ausgesprochen beruhigende Daten vor. Der Bestand von Uhus, Schwarzstörchen, Spechten und weiteren Vögeln ist trotz der Holzernte im Lebensraum Wald gut aufgestellt." Dort werde keine Chemie eingesetzt, kein Dünger verwendet. Das ändert allerdings nichts daran, dass auf weiter Flur die Dramatik nicht mehr wegdiskutiert werden kann.Was können Bürger alsomachen, wenn sie Vögeln und der Natur helfen wollen? „Erst einmal gilt: Im eigenen Garten mehr Wildnis dulden", erklärt NABU-Vorsitzender Schäfferling. „Einheimische Sträucher und Pflanzen dort wachsen lassen. Je nach individuellen Möglichkeiten vielleicht auch einen kleinen Teich im Garten anlegen. Oder eine Insektenwand." Weiterhin könne man „einfach mal eine Hecke stehenlassen." Nur, wenn sich die Grundbedingungen in der Lebenswelt der Vögel änderten, werde sich auch der Bestand nach und nach wieder verbessern. Den Vögeln fehlt der Lebensraum, und darauf könne man auch schon reagieren. „Es ist toll, dass sich viele Menschen Meisenknödel in den Garten oder in das Vogelhäuschen auf dem Balkon hängen, und sich an den Tieren erfreuen, die zum Fressen kommen. Gerade im Winter." Doch wirklich langfristig retten könne man den einheimischen Vogelbestand nur, wenn man auf anderer Ebene ansetze. „Als Verbraucher kann man etwa besonders Erzeugnisse aus der Bio-Produktion unterstützen. Auch solche Dinge helfen, den Lebensraum der Vögel zu erhalten."

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