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Sorgenkind: Vor allem ein Reaktor des Atomkraftwerks Tihange nahe der belgisch-deutschen Grenze beunruhigt die Aachener. - © dpa
Sorgenkind: Vor allem ein Reaktor des Atomkraftwerks Tihange nahe der belgisch-deutschen Grenze beunruhigt die Aachener. | © dpa

Aachen "Das ist Panikmache": So schätzt ein Reaktorexperte das Risiko einer Atomkatastrophe in Belgien ein

Hans-Josef Allelein ist Professor am Lehrstuhl für Reaktorsicherheit und -technik an der RWTH Aachen

Anneke Quasdorf
01.09.2017 | Stand 01.09.2017, 17:56 Uhr

Herr Allelein, Sie als Experte: Für wie begründet halten Sie die Sorge vor einem Katastrophenfall in Tihange oder Doel? Hans-Josef Allelein: Mich beunruhigen die Zustände der Reaktoren konkret nicht. Was ich vor allem für falsch halte, ist die Panikmache, die jetzt im Raum Aachen passiert. Das Problem ist: Man kann dem Laien gar nicht genau genug erklären, wie unwahrscheinlich das Szenario ist, das jetzt überall ausgemalt wird, weil das kein Mensch mehr versteht. Können Sie es versuchen? Ganz simpel gesprochen: Es müsste zu einer Überlagerung sehr vieler Störfaktoren kommen, die sehr unwahrscheinlich ist. Was ich allerdings mit Sorge sehe, ist das Verhalten der belgischen Regierung, der Betreiber und der Genehmigungsbehörde bei dem Thema Kernenergie. Warum? Allelein: Weil der Zustand der Anlagen in meinen Augen nicht transparent genug gemacht wird. Meines Erachtens existieren auch erkennbare Mängel in der sogenannten Sicherheitskultur. Welche sind das? Allelein: Es gibt Lücken in der Dokumentation für das Material der Reaktordruckbehälter in den beiden Blöcken Tihange 2 und Doel 3. So richtig erkennbar ist für mich nicht, dass offene Fragen hierzu durch geeignete Untersuchungen beantwortet werden. Außerdem hat auch Belgien eine Ablaufzeit für seine AKWs – innerhalb derer sich Betreiber natürlich gut überlegen, ob es sich für sie rechnet, nochmal Millionen in Anlagen zu investieren, die sie in wenigen Jahren gar nicht mehr nutzen dürfen. Das gilt aber unter Umständen für deutsche Kraftwerke auch. Insofern begrüße ich das Atomabkommen zwischen Deutschland und Belgien und die Bemühungen der deutschen Regierung, den Belgiern intensiver auf die Finger zu schauen. Ihre österreichischen Kollegen von der Wiener Universität für Bodenkultur und des Österreichischen Ökologie Instituts haben minutiös berechnet, wie sich ein Katastrophenfall an der Deutschen Grenze auf Deutschland und Europa auswirken würde. Was halten Sie davon? Allelein: Ich denke, dass man diese Berechnungen mit Vorsicht genießen muss - unter anderem, da bei dem zugrunde gelegten Störfall auch das Versagen aller sonstigen Maßnahmen, Systeme und Komponenten unterstellt wird. Und es sich dann tatsächlich um die Überlagerung zweier unabhängiger Störfallszenarien handelt - das ist zumindest diskussionswürdig. Nochmal zurück zu Aachen: Ist die Vorsorge mit Jodtabletten dann Humbug? Allelein: Humbug nicht. Von all den schlechten Lösungen, die hier diskutiert worden sind, halte ich die Ausgabe von Jodtabletten noch für die beste. Blödsinnig finde ich die Einlagerung von Jodtabletten und dann eine zentrale Versorgung: Eine geordnete Ausgabe wäre im Fall einer Atomkatastrophe und der ausbrechenden Panik sowieso nicht mehr möglich. Aber wenn ich mich schon mit dem Ernstfall auseinandersetze, dann doch bitte richtig. Heißt? Allelein: Durch die Einnahme von Jodtabletten schütze ich mich ja nur vor dem radioaktiven Jod, weil die Schilddrüse so gesättigt ist, dass sie das schädliche Jod aus der Luft nicht mehr aufnimmt. Weitere Maßnahmen zum Schutz vor Radioaktivität sind aber vor allem der tagelange Aufenthalt in geschlossenen Räumen, dazu müssen sich Menschen mit Grundnahrungsmitteln, mindestens 2 Liter Mineralwasser pro im Haushalt lebender Person für mindestens 5 Tage, Dichtungsmaterial für Fenster und Türen und Gummistiefel mit hohem Schaftrohr eindecken. Diese Informationen müssten dann jetzt in Aachen auch ausgegeben werden – wer A sagt, muss auch B sagen.

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