So mancher Azubi musste nachsitzen. - © picture alliance / Bildagentur-online/Begsteiger
So mancher Azubi musste nachsitzen. | © picture alliance / Bildagentur-online/Begsteiger

Bielefeld Schwaches Benehmen: Azubis müssen nachsitzen

Viele Betriebe bemängeln die Umgangsformen der Jugendlichen. Unternehmer sehen die wachsende Kluft zwischen Arbeits- und Schulwelt als Grund

Bielefeld. Die meisten Jugendlichen wollen lieber studieren. Und bei denjenigen, die doch eine Ausbildung antreten möchten, fehlt häufig die Ausbildungsreife. Unternehmer bemerken vor allem Defizite bei klassischen Voraussetzungen wie Disziplin oder Ausdrucksvermögen. „Wir sind uns im Klaren, dass wir nicht per Handstreich alle weniger gelungenen Schulkarrieren heilen können", sagt Wolf D. Meier-Scheuven, Präsident der IHK Ostwestfalen. Deshalb habe man sich vor zehn Jahren dazu entschlossen, konkrete Maßnahmen zur Verbesserung anzubieten. Denn die Wirtschaft brummt und fordert Fachkräfte. So entstand das Projekt „Fit in die Ausbildung". Sechs Seminare können die Jugendlichen entweder schon im letzten Schuljahr oder nach Ausbildungsbeginn belegen. Sie decken Bereiche wie Englisch, Deutsch oder Mathematik ab. Als Zusatz war einst das „Knigge-Seminar" gedacht. „Doch gerade das wurde zum Bestseller", sagt Ute Horstkötter-Starke, Geschäftsführerin der IHK-Akademie. Insgesamt 660 Veranstaltungen wurden angeboten. In 424 davon mussten Teilnehmer in Sachen Benehmen nachsitzen; 5.550 Auszubildende hatten es nötig. Denn nach Feststellung von knapp 60 Prozent der auszubildenden Betriebe mangelt es den Jugendlichen am Ausdrucksvermögen, 55 Prozent fehlt Leistungsbereitschaft und 53 Prozent Disziplin. Erst danach kommen Defizite in elementaren Rechenfertigkeiten (47 Prozent). Schule lehrt vieles nicht Grund dafür sei jedoch nicht die mangelnde Erziehung, meint Ute Horstkötter-Starke: „Das wird einfach nicht in der Schule gelehrt." Rudolf Delius, Mitinhaber des gleichnamigen Textilherstellers, ist davon überzeugt, dass der Übergang zwischen informeller Schulwelt und formeller Arbeitswelt krasser geworden sei, nicht das schlechte Benehmen: „In Zeiten von Twitter, Whatsapp und anderen neuen Medien ist die Form der Kommunikation eine andere. Vor 20 Jahren hat es diese Dienste nicht gegeben. Man musste also einen Brief schreiben oder telefonieren und kam so häufiger mit der formellen Welt in Berührung." Dennoch bemerkt er einen Mangel an Grundlagen. „Ich frage in einem Vorstellungsgespräch zum Beispiel immer, wie viel zehn Prozent von 220 sind. Nur 50 Prozent wissen das", sagt Delius. Ziel der Seminare sei es, Ausbildungsreife und Basiskenntnisse zu erweitern und so den Berufseinstieg zu erleichtern. „Wir sind uns bewusst, dass wir damit nicht Ursachen beseitigen, sondern nur Symptome kurieren", sagt Meier-Scheuven.

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