Die Aufgaben für das Zentralabitur kommen aus Soest. - © picture alliance / dpa
Die Aufgaben für das Zentralabitur kommen aus Soest. | © picture alliance / dpa

Bielefeld/Soest So entstehen die Aufgaben für das Zentralabitur

Zuständig ist die Agentur Qua-LiS, die im Auftrag des Schulministeriums arbeitet. Bis die Klausuren fertig sind, dauert es anderthalb Jahre

Vivien Tharun

Bielefeld/Soest. Mehr als 1.200 Aufgaben für zentrale Klausuren erstellt die Qualitäts- und Unterstützungs-Agentur – Landesinstitut für Schule (Qua-LiS NRW) in Soest jedes Jahr. Alleine 800 Aufgaben davon sind für Prüfungen an allgemeinbildenden Schulen in NRW. 465 Aufgaben sind es für Berufsgymnasien. Dazu kommen noch angepasste Fassungen für Schüler mit Hör- und Seheinschränkung oder Förderbedarf. Zu vielen Aufgaben gehören zudem noch unterschiedliche Fragestellungen. Bis die Klausuren für das Zentralabitur fertig sind, dauert es anderthalb Jahre: „Wir arbeiten bereits seit Februar an den Fragen für 2018", sagt Karola Eirund von der Qua-LiS. Sie betreut den Projektbereich, der die zentralen Prüfungen für berufliche Gymnasien entwickelt – für insgesamt 45 Fächer. Für jedes Schulfach erarbeitet die Agentur mehrere Klausur-Versionen. „So stellen wir sicher, dass es für Schüler, die nachschreiben müssen, andere Fragen gibt" sagt Michael Klein, der bei der Qua-LiS den Arbeitsbereich für die zentralen Prüfungen in den allgemeinbildenden Schulen leitet. „Die Nachschreiber können dann nicht ihre Klassenkameraden nach den Lösungen fragen." "Insgesamt rund 800 Aufgaben für 38 Schulfächer" Die Geheimhaltung der Aufgaben spielt eine entscheidende Rolle im Entwicklungsprozess. Im ersten Schritt des Verfahrens schicken Beauftragte einzelner Schulen in NRW erste Entwürfe für Aufgabenstellungen an die Qua-LiS. „Daraus entsteht unser Grundkonstrukt", sagt Klein. In Anlehnung daran entstehen dann unter strenger Geheimhaltung neue Aufgaben. Dabei wird bereits die Wahlfreiheit berücksichtigt, denn in manchen Prüfungen dürfen Schüler zwischen zwei Aufgabenstellungen aussuchen. Gleichzeitig informiert sich die Agentur bei kooperierenden Universitäten darüber, wie der aktuelle wissenschaftliche Stand in den wissenschaftsnahen Fächern ist. An den allgemeinbildenden Schulen in NRW gibt es 38 Fächer und für jedes müssen mehrere Versionen einer Abschlussklausur entstehen. „Das sind dann insgesamt rund 800 Aufgaben", sagt Klein. Zur Qualitätssicherung überprüft ein ausgewiesenes Expertenteam mit Fachkenntnissen die einzelnen Aufgabenstellungen. Aufgaben müssen Praxischeck bestehen Sind die Prüfungen so weit entwickelt, dass ein Schüler sie vielleicht schon schreiben könnte, müssen die Aufgaben einen „Praxischeck" bestehen. Ausgewählte Lehrer, die ebenfalls die Geheimhaltung wahren müssen, kommen zur Qua-LiS und schreiben die Klausuren so „als wären sie die Schüler", so Klein. „Daran zeigt sich, ob die Fragen gut formuliert sind oder ob es noch Missverständnisse gibt." Sind diese Probleme beseitigt, beginnt das Endlektorat: Die Klausuren werden auf Plausibilität und Fehler geprüft. „Bei 21 Fächern aus dem Wissenschaftsbereich prüfen Wissenschaftler nach, ob alles passt", sagt Klein. Manchmal sei es schwer, eine präzise fachliche Formulierung in eine für Schüler verständliche Aufgabe zu packen. Dann muss ein Kompromiss gefunden werden. Sind alle Klausur-Versionen aller Fächer korrigiert, müssen die schulfachlichen Dezernenten der Bezirksregierung noch ihre Zustimmung zu den erarbeiteten Aufgaben geben. „Bei der endgültigen Auswahl, welche Prüfungen dann letztlich für das Zentralabitur genommen werden, sind weniger Personen beteiligt, als eine Hand Finger hat", sagt Eugen-Ludwig Egyptien, der Direktor der Qua-LiS NRW. Fertige Aufgaben erreichen die Schulen gut gesichert An allen Schritten der Aufgabenentwicklung sind nur Personen beteiligt, die keine Schüler, Kinder oder Verwandte zweiten Grades im Abitur haben. Ebenso dürfen Lehrkräfte, die im jeweiligen Fach im Abiturjahrgang Schüler unterrichten oder die an Schulbüchern zur Vorbereitung auf das Abitur im entsprechenden Fach mitarbeiten, nicht an der Aufgabenentwicklung teilnehmen. Auf gleiche Weise wird bei den Zentralprüfungen für Real- und Hauptschulabschluss verfahren. Die fertigen Zentralprüfungen erreichen die Schulen gut gesichert. Jedes Bundesland hat eine eigene Unterstützungsagentur, die die Prüfungen erstellt. Diese Landesinstitute entwickeln zudem Unterrichtskonzepte und Unterstützungsmaterialien. „Durch die Kooperation von Schulen, Lehrern, der Bezirksregierungen, dem Ministerium und der Qua-LiS hat sich die Qualität der Prüfungsaufgaben in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert", sagt Egyptien. Überblick: Das sind die Aufgaben des Landesinstituts Zu den Aufgaben des Instituts Qua-LiS NRW gehören: Entwicklung und Aktualisierung von Lehrplänen für alle Schulstufen und Schulformen. Die Entwicklung der Aufgaben für alle zentralen Prüfungen und Lernstandserhebungen. Die Unterstützung der Schulen bei interkultureller Schulentwicklung, dem Ganztag, gendersensibler Bildung und individueller Förderung. Qualifizierungsprogramme für pädagogische Berufe, Schulaufsicht sowie in der Lehrerausbildung. Qua-LiS arbeitet mit dem Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW zusammen und tauscht sich mit den Bezirksregierungen, den kommunalen Schulämtern und den Einrichtungen der Lehrerausbildung aus. Es gibt Projektarbeiten mit Hochschulen, Stiftungen, Kirchen, Verbänden, Wirtschaft und den Qualitätsagenturen. Geschichte der Agentur 1962: Gründung als „Landesinstitut für Schulpädagogische Bildung (Institut für Lehrerfortbildung)" in Düsseldorf. 1978: Umzug nach Neuss und Umbenennung in „Landesinstitut für Curriculumentwicklung, Schule und Weiterbildung". 1983: Umzug nach Soest. Umbenennung in „Landesinstitut für Schule und Weiterbildung". 2002: Ausgliederung der Weiterbildung nach Hagen. Name von da an: „Landesinstitut für Schule - QA" 2007: Schließung des Landesinstituts durch die Regierung Rüttgers. Bezirksregierungen und verschiedene Abteilungen des Schulministeriums übernehmen und teilen sich die Aufgaben. 2013: Die Neugründung der Agentur erfolgt durch die rot-grüne Landesregierung. Der neue Name ist „Qualitäts- und Unterstützungs-Agentur – Landesinstitut für Schule". Statement der Schulministerin Sylvia Löhrmann über Qua-Lis NRW „Als Schulministerin zählt es für mich zu den wichtigsten Aufgaben, die bestmögliche Bildung in unseren Schulen zu ermöglichen. Dabei sind Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung zwei Instrumente, die selten im Fokus der Öffentlichkeit stehen, aber bei rund 6.000 Schulen für eine systematische und nachhaltige Schulentwicklung unverzichtbar sind, um die Schulen bei den zentralen Zukunftsaufgaben individuelle Förderung, Integration und Inklusion zu unterstützen. Ein bedeutender Schritt in diesem Entwicklungsprozess war der Wiederaufbau eines Landesinstituts für Schule. Das damalige Landesinstitut in Soest wurde 2007 unter der CDU/FDP-Regierung geschlossen. Ich frage mich bis heute warum. Ich halte es für überaus sinnvoll, langfristige und grundlegende Entwicklungsprozesse von der ministerialen Ebene ein Stück weit zu entkoppeln und damit aus dem politischen Betrieb fernzuhalten. So haben wir im Dezember 2013 wieder eine solche Einrichtung geschaffen und ihr den Namen ‚Qualitäts- und UnterstützungsAgentur – Landesinstitut für Schule‘ gegeben, weil diese Bezeichnung exakt die entscheidende Funktion widerspiegelt: Das Institut ist die zentrale Unterstützungseinrichtung für die Schulen und sie berät und unterstützt das Schulministerium, zum Beispiel durch die Entwicklung von Lehrplänen, Qualitätsstandards oder Abituraufgaben. Ich spreche hier von einer Arbeit mit hochfachlichem Anspruch für die wir im Landesinstitut auf kluge Köpfe setzen – das heißt, auf eine multiprofessionelle Zusammensetzung und die Kooperation mit Expertinnen und Experten aus Praxis und Wissenschaft. Durch den Einsatz von erfahrenen Lehrerinnen und Lehrern, wird der unverzichtbare enge Praxisbezug zu den Schulen des Landes sichergestellt."

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