Warnt vor falschverstandener Toleranz: Der Psychologe Ahmad Mansour geriet als Jugendlicher in die Fänge eines radikalen Imans. Heute kämpft er in verschiedenen Projekten gegen religiösen Extremismus und Antisemitismus. - © dpa
Warnt vor falschverstandener Toleranz: Der Psychologe Ahmad Mansour geriet als Jugendlicher in die Fänge eines radikalen Imans. Heute kämpft er in verschiedenen Projekten gegen religiösen Extremismus und Antisemitismus. | © dpa

Herford/Berlin Interview mit dem Islamismus-Experten Ahmad Mansour

Im Interview erklärt der Psychologe: „Islamisten sind bessere Sozialarbeiter“

Carolin Nieder-Entgelmeier

Herford/Berlin. Im Interview fordert der Islamismus-Experte Ahmad Mansour ein Umdenken im Kampf gegen religiösen Extremismus, um Radikalisierungen zu verhindern und befürwortet Gebetsverbote in Schulen. Am 31. März spricht Mansour in Herford über das Thema. Herr Mansour, am 31. März sprechen Sie in Herford darüber, dass Deutschland im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken muss. Wie ist diese Veränderung möglich? Ahmad Mansour: Diese Veränderung ist nur machbar, wenn die Politik die Ursachen der Radikalisierungen benennt und bekämpft. Nur dann kann eine Präventionsarbeit aufgebaut werden, die wirkungsvoll ist. Das, was derzeit läuft, ist nichts anderes als Aktionismus. Ein Wildwuchs an Projekten, die teilweise sogar kontraproduktiv sind. Warum radikalisieren sich Menschen in einer freien Demokratie? Mansour: Die Ursachen sind vielfältig. Es gibt psychologische Faktoren wie Verhaltensauffälligkeiten, persönliche Krisen oder eine fehlende Vaterfigur. Es gibt aber auch die soziologische Ebene. Menschen, die Orientierung suchen und sich schnell vermeintlichen Eliten zugehörig fühlen, weil sie überfordert sind und mit der Freiheit nicht klarkommen. Auch theologische Faktoren spielen eine Rolle. Wenn ein radikales Religionsverständnis die psychologischen und soziologischen Faktoren unterstützt, dann führt das dazu, dass Jugendliche Freiheit als Gefahr sehen und sich radikalisieren. Eine ihrer Thesen ist, dass Islamisten die besseren Sozialarbeiter sind. Können wir etwas von ihnen lernen? Mansour: Sie erreichen Jugendliche mit einfachen Weltbildern und einem Schwarz-Weiß-Denken. Islamisten warten nicht in Moscheen auf Jugendliche, sie sprechen sie direkt an. Die heutige Sozialarbeit ist leider in den 1970er-Jahren stecken geblieben. Wir sollten nicht länger in Jugendzentren auf Jugendliche warten. Wir müssen eine Sozialarbeit entwickeln, die mehr Nähe zu den Jugendlichen ermöglicht, auch digital, und Angebote beinhaltet, mit denen die einfachen Weltbilder der Islamisten aufbebrochen werden können. In OWL ist die Präventionsinitiative „Extrem dagegen" aktiv. Die Initiative setzt auf die Arbeit mit Jugendlichen und die Strategie Empowerment. Ist das der richtige Weg? Mansour: Ja, wenn Empowerment so verstanden wird, dass Dialogplattformen geschaffen und Jugendliche ernst genommen werden. Präventionsarbeit hat dann Erfolg, wenn die einfachen Weltbilder der Islamisten aufgebrochen werden, indem mit Jugendlichen diskutiert und gestritten wird. Dafür brauchen wir mutige Menschen, die in der Lage sind, Probleme und Tabuthemen anzufassen, Alternativen und Denkanstöße zu geben. In Deutschland wird Empowerment häufig aber auch so verstanden, Jugendliche in ihrer Opferhaltung und Religiosität zu bestärken. Der unkritische Umgang mit einem Religionsverständnis, das rituelle Gebete in der Schule und die Weigerung, Frauen die Hand zu geben, beinhaltet, ist der falsche Weg: In mehreren Schulen in NRW sind muslimische Schüler aufgefallen, die sich Gebetsräume wünschen und den Unterricht für das Freitagsgebet verlassen. Ein Gymnasium in Wuppertal hat deshalb ein Gebetsverbot verhängt. Wie bewerten Sie das? Mansour: Das Verhalten der Schüler ist hochproblematisch und das Verbot berechtigt, weil Schüler ihre Religiosität über die Schule stellen. Wir brauchen eine klare Kommunikation an Schulen und dürfen Lehrer mit dem Problem nicht alleine lassen. Wenn Schüler den Unterricht schwänzen, um zu beten, ist eine Grenze überschritten, die uns alle zum Handeln veranlassen sollte. Auch wenn es sich dabei nur um einzelne Schüler handelt, müssen klare, zukunftsweisende Regeln aufgestellt werden. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die politisch diskutiert werden muss. Zudem dürfen dabei nicht die Schüler vergessen werden, die durch das Verhalten der betenden Schüler unter Druck gesetzt werden, weil sie gar nicht oder erst nach der Schule beten. Kritiker, die behaupten, dass betende Schüler lediglich ihre Religion ernst nehmen, sind linke Rassisten, die vergessen, dass diese Schüler Religiosität über Schule stellen. Doch wo ziehen wir die Grenze? Sollte man muslimischen Eltern erlauben, ihre Kinder während des Ramadan vom Musikunterricht zu befreien oder generell vom Biologieunterricht, weil über die Evolutionstheorie gesprochen wird? Welche Rolle haben Lehrer in einer Gesellschaft, in der sich Jugendliche radikalisieren? Mansour: Sie haben eine entscheidende Rolle, weil sie engen Kontakt zu den Jugendlichen haben. Lehrer bekommen jedoch immer neue Aufgaben, die sie ohne Unterstützung nicht bewältigen können. Deshalb ist es so wichtig, dass die Schulministerien eine Reform anstreben, um eine Schule zu schaffen, die der Vielfalt in Deutschland gerecht wird. Schule muss in der Lage sein, Werte und ein Wir-Gefühl zu vermitteln. Lehrer müssen so ausgebildet werden, dass sie Radikalisierung erkennen und die Hilfsangebote in Anspruch nehmen. In NRW haben muslimische Schüler ein Recht auf den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht. Im Beirat überwiegt der Anteil konservativer Verbände, die die Unterrichtsinhalte und Lehrkräfte zulassen. Eine Gefahr? Mansour: Ja, das ist gefährlich, weil die islamischen Verbände die Freiheit der Wissenschaft einschränken. Unter anderem mit politischen Forderungen gegen die Ausbildungsstätten islamischer Religionslehrer. Ich bin aber überzeugt, dass die Lehrer, die an der Uni Münster am Zentrum für islamische Theologie von Mouhanad Khorchide ausgebildet werden, auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Zudem plädiere ich für einen konfessionsübergreifenden bekenntnisorientierten Religionsunterricht ohne Selektion nach Religionszugehörigkeit.

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