Speziell ausgebildete Sexualbegleiterinnen und -begleiter helfen Menschen mit Behinderung Nähe, Zärtlichkeit und Sexualität zu erfahren. - © David Ebener/picture alliance/dpa
Speziell ausgebildete Sexualbegleiterinnen und -begleiter helfen Menschen mit Behinderung Nähe, Zärtlichkeit und Sexualität zu erfahren. | © David Ebener/picture alliance/dpa

Bielefeld Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung in der Diskussion

Bethel und der Sozialverband VdK NRW üben Kritik. Bielefelder Sexualpädagoge fordert Aufklärung und Teilhabe in allen Bereichen

Nora Pfützenreuter

Bielefeld/Düsseldorf. Es ist offenbar ein Tabuthema: Menschen mit Behinderung und Sexualität – das passt in vielen Köpfen nicht zusammen. Darüber zu reden, fällt noch schwerer. Das wurde unlängst durch die Debatte deutlich, die die pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, durch ihre Äußerung angestoßen hatte. Scharfenberg hatte gefordert, Pflegebedürftigen und schwer Kranken „Sex auf Rezept" zu bezahlen. In den Niederlanden sei dies bereits Praxis, allerdings unter strengen Auflagen. Im Kern geht es um die sogenannte Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung. Der Begriff „Sexualbegleitung" wurde 2001 von der Sexualassistentin Nina de Vries und Lothar Sandfort vom „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter" (ISBB) in Niedersachsen initiiert. Dabei bezahlen beeinträchtige Menschen nicht wie bei der klassischen Prostitution für einen bestimmten Akt, sondern nach Zeit. Zertifizierte Sexualbegleiter, sind keine Prostituierten im herkömmlichen Sinne. Sie ermöglichen erste intime Erfahrungen und leiten an, wie Sexualität ausgelebt werden kann. Die Begleitung kann viele Formen annehmen: Massagen, bekannte Sexualpraktiken, Nähe und zwischenmenschliche Begegnungen. Kritik an der Finanzierung Menschen in Pflegeheimen, mit oder ohne Behinderung, hätten ein Selbstbestimmungsrecht, über die eigene Sexualität zu entscheiden, sagt Horst Vöge, NRW-Landesvorsitzender des Sozialverbands VdK. Die Finanzierung sieht er jedoch kritisch: „Die Pflegeversicherung ist eine Teilkaskoversicherung, die bestimmte Bereiche der Pflege umfasst – die sexuelle Begleitung gehört unserer Ansicht nach nicht dazu." Die Fragen der Sexualtherapien seien im Vergleich zu anderen Themen wie Altersarmut und Rentenversorgung nach Meinung des VdK NRW zweitrangig. Zur Finanzierung äußert sich Michael Conty, Geschäftsführer von Bethel.regional in Bielefeld, ebenfalls kritisch. „Ich sehe im Moment nicht, dass aus Mitteln der Krankenkasse Leistungen generiert werden könnten." Sexualität sei jedoch ein normales Bedürfnis für jeden Menschen, ob mit oder ohne Behinderung. Auch Behinderte müssten genauso wie andere mit ihren Wünschen nach Partnerschaft, Liebe und Sexualität umgehen. Bethel.regional arbeite seit mehreren Jahren mit der Beratungsstelle des Verbands Pro Familia in Bielefeld zusammen. Prozess der gesellschaftlichen Teilhabe „Hormone machen auch vor einer Behinderung nicht halt", sagt Patrizia Kubanek. Die 37-Jährige ist Sexualberaterin für Menschen mit Behinderung und wird derzeit zur allgemeinen Sexualtherapeutin ausgebildet. Bei ihr selbst wurde im Alter von einem Jahr eine spinale Muskelatrophie (fortschreitender Muskelschwund) festgestellt. Dass für viele das Thema zweitrangig sei, liege ihrer Meinung daran, dass diejenigen immer noch an dem klassischen Fürsorger-Denken für Menschen mit Behinderung festhalten. Dabei gehöre Sexualität bei allen Erwachsenen zur Gesundheit dazu. „Wenn jemand sexuell unzufrieden ist, ist er körperlich auch unzufrieden." Es gehöre zum Prozess der Teilhabe, dass Kosten von den Kommunen übernommen werden, sagt Kubanek. Ihrer Meinung nach sei es falsch, eine Sexualbegleitung „auf Krankenschein" zu verschreiben. Das erwecke den falschen Anschein, dass Sexualität von Menschen mit Behinderung eine Krankheit sei. „Ich fände es zudem nicht gut, wenn die gesamten Kosten von den Kommunen übernommen werden, sondern eher Teile davon, wie zum Beispiel Anfahrtskosten", sagt die Sexualberaterin. Die Dienstleistung sollte den Wert haben, auch vom Anspruchsteller bezahlt zu werden. Recht auf sexuelle Selbstbestimmung Sexualbegleitung habe einen pädagogischen Wert, sei sensibel und könne unterstützend wirken. Es gehe darum, die sexuelle Selbstbestimmung auszuarbeiten. Zertifizierte Sexualbegleiter werden zum Beispiel beim „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter" (ISBB) in Trebel in Niedersachsen, in einer über 200-stündigen Fortbildung, geschult. Eine staatlich anerkannte Ausbildung fehlt. Menschen mit Behinderung würden mit ihren Fragen oft allein gelassen "Wir finden Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung wichtig", sagt Reinhard Brand, Sexualpädagoge der Beratungsstelle von Pro Familia in Bielefeld. Sexualität zu erleben, sei für viele von ihnen schwierig. Sexualbegleitung habe einen hohen pädagogischen Anspruch, sagt Brand. Es gehe darum, die eigene Sexualität zu erfahren und die Persönlichkeit zu stärken. Wenn Menschen mit Behinderung an allen gesellschaftlichen Belangen teilhaben sollen, könne man Sexualität nicht ausschließen. Bei diesem Thema gäbe es viele Vorurteile, dass man "schlafende Hunde wecken würde". Das sei nicht der Fall, wenn Aufklärung geleistet werde. Viele Menschen mit Behinderung würden mit ihren Fragen allein gelassen. Viele Jugendliche mit einer Behinderung hätten nicht so die Möglichkeit, sich auszuprobieren wie ihre Altersgenossen ohne Behinderung, sagt Brand. Beratungsstellen in Ostwestfalen-Lippe Der Verband Pro Familia bietet in Bielefeld, Gütersloh, Paderborn, Bünde und Detmold Beratungsstellen zu den Themen Familienplanung und Sexualpädagogik. Es gebe Kursreihen für Jugendliche und Erwachsene zu Themen der sexuellen Aufklärung. "Wir arbeiten auch mit Schulen für geistig Behinderte zusammen und informieren in sexualpädagogischen Kursreihen zu den Themen 'Liebe, Freundschaft und Sexualität'". Es sei wichtig, dass Vorurteile in diesem Bereich abgebaut werden, so Brand. Die Dokumentation "Rachels Weg" erzählt aus dem Leben der australischen Sexualbegleiterin Rachel Wotton. Sie begegnet unter anderem John, der aufgrund einer Multiplen Sklerose im Rollstuhl sitzt. Das Video zeigt den englischsprachigen Trailer mit deutschen Untertiteln.

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