Bedrohlich: In Klassenräumen kommt es immer häufiger zu Übergriffen auf Lehrer. - © dpa
Bedrohlich: In Klassenräumen kommt es immer häufiger zu Übergriffen auf Lehrer. | © dpa

Bielefeld Mehrere Lehrer aus OWL berichten von Gewalt in der Schule

Pädagogen berichten von körperlichen Attacken und heftigen Beschimpfungen / Tabuisierung und ängstliche Schulleiter verschlimmern die Problematik

Carolin Nieder-Entgelmeier

Bielefeld. Der Bericht über den Hilfeschrei einer Lehrerin aus dem Kreis Herford, die uns von gewalttätigen Schülern und Eltern berichtet hat, hat Dutzende Lehrer aus OWL dazu bewegt, auch über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen. Aus Angst vor weiteren Angriffen von Schülern und Eltern und Repressalien durch die Schulleitung bei einer Veröffentlichung, bitten die Lehrer um Anonymisierung. Sie hoffen mit einer Veröffentlichung trotzdem darauf, dass das Thema Gewalt gegen Lehrer nicht länger als privates Problem abgetan wird. Die Lehrerin Angelika Krumme (alle Namen von der Redaktion geändert) arbeitet seit 20 Jahren an einer Grundschule in Bielefeld. Krumme ist gläubige Jüdin und hat zunehmende Probleme mit Schülern, die sie aufgrund ihrer Religion bedrohen. „Ich habe es anfangs nicht glauben können, aber antisemitische Beschimpfungen sind in meinem Beruf zum Problem geworden." Die 55-Jährige fühlt sich mit dem Problem alleine gelassen. „Die Schulleitung hat Angst vor sinkenden Anmeldezahlen und redet das Problem klein." Ähnliche Erfahrungen mit ihrer Schulleitung und den zuständigen Dezernenten bei der Bezirksregierung Detmold hat auch Lehrerin Brigitte Windmann an einem Gymnasium im Kreis Herford machen müssen. „Als mir ein Schüler einen Tritt in den Hintern verpasste und ich ihn anzeigen wollte, bestellte meine Schulleiterin einen Dezernenten der Bezirksregierung ein, der mir folgende Frage stellte: Was haben Sie dem Schüler angetan, dass er so reagieren muss?" Nach diesem Gespräch sei Windmann klargeworden, dass sie von ihren Vorgesetzten keine Hilfe erwarten könne. „Ich wurde von einer Anzeige abgehalten, mit dem Hinweis, dass ich damit dem gewalttätigen Schüler die Zukunft verbauen würde." Schulleiter schweigen Von einem Deckmantel des Schweigens berichtet auch der Vater eines 14-jährigen Schülers aus dem Kreis Herford. „Mein Sohn wurde von einem Mitschüler, der auf dem Schulhof mit Drogen handelt, verprügelt. Doch Informationen über den Vorfall habe ich nicht von der Schulleiterin, sondern von der Kriminalpolizei Herford bekommen", erklärt Sven Lindemann. „Die Schulleiterin hilft nicht bei der Aufklärung, aus Angst, dass der Übergriff öffentlich wird." Sein Sohn habe eine Schädel- und Brustkorbprellung erlitten und seit dem Angriff Angst davor, in die Schule zu gehen. Angst spielt nach Angaben des Pädagogen Dietmar Oppermann auch in seinem Kollegium an einem Gymnasium im Kreis Gütersloh eine große Rolle. „Im Sportunterricht wurde ich nach einer Unterrichtsstunde von drei Oberstufenschülern umringt, bespuckt und ins Gesicht geschlagen", sagt der 47-Jährige. Zuvor habe es eine verbale Auseinandersetzung mit muslimischen Schülerinnen über die Teilnahme am Sportunterricht gegeben. „Nach der Attacke drohten sie mir mit weiteren Schlägen außerhalb der Schule, wenn ich ihre muslimische Mitschülerinnen weiterhin zum Mitmachen animieren würde." Trotz dieser heftigen Attacke fühlt sich auch Oppermann alleine gelassen, von der Schulleitung und Kollegen. „Es gibt kaum Zusammenhalt, weil sich niemand, der befördert werden will, öffentlich mit einem Kollegen solidarisiert, der Opfer von Gewalt geworden ist." Zudem haben Vorfälle aus den vergangenen Jahren gezeigt, dass Lehrer, die das Problem öffentlich machen, von Schülern und ihren Eltern als durchsetzungsschwach verspottet werden.

realisiert durch evolver group