Auma Obama ist fasziniert von Autoren wie Heinrich Böll und Wolfgang Borchert und hat in Berlin studiert. - © dpa
Auma Obama ist fasziniert von Autoren wie Heinrich Böll und Wolfgang Borchert und hat in Berlin studiert. | © dpa

Bielefeld Auma Obama im NW-Interview: "Mit Migranten reden, nicht über sie"

Die kenianische Halbschwester des US-Präsidenten spricht über Flüchtlinge in Deutschland und vorurteilsgeladene Entwicklungspolitik. Am Dienstag ist die Autorin in Bielefeld

Andrea Frühauf

Am Dienstag ist die Autorin Auma Obama zu Gast in Bielefeld. Im NW-Interview spricht die kenianische Halbschwester des US-Präsidenten über Flüchtlinge in Deutschland und vorurteilsgeladene Entwicklungspolitik. Frau Obama, wie erleben Sie den Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland und Europa? Auma Obama: Als problematisch. Der Umgang mit dem Thema wird leider, insbesondere in den Medien, überwiegend aus dem Standpunkt der Angst vor dem Fremden geleitet. Die Flüchtlingskrise wird in Teilen der Politik und der Presse nicht als eine Krise behandelt, bei der es um Menschen in Not geht, sondern als eine, vor der man sich schützen und abschotten muss. Man will sich vor Menschen schützen, die selbst Schutz vor Krieg suchen. In diesem Klima gedeihen fremdenfeindliche Exzesse. Es gibt natürlich auch in Deutschland viele Menschen, die Flüchtlinge willkommen heißen. Das ist sogar die Mehrheit der Deutschen. Allerdings wird dies überschattet von der überwiegend negativen Berichterstattung. Meiner Meinung nach muss viel mehr Aufklärungsarbeit von der Politik und auch den Medien geleistet werden, besonders über den Asylprozess. Hat sich Deutschland seit Ihrem Studium in den 80er Jahren verändert? Obama: Natürlich, kein Zustand ist dauerhaft. Ich sehe in Deutschland heute eine große Vielfalt an Menschen und Kulturen. Es ist eine Bereicherung für das Land, es hat sich eine neue Offenheit entwickelt. Als ich zum Studieren nach Deutschland kam, wollte kaum jemand hier auffallen. Heute fallen die Deutschen auf mit ihrer Offenheit und mit ihrer Hilfsbereitschaft. Es liegt eine große, gute Energie in der Luft - das war vor 30 Jahren so noch nicht der Fall. Können Grenzen die Massenflucht stoppen und die Probleme lösen? Obama: Die Probleme muss man genauer definieren. Wenn das Problem die Ein- und Auswanderung von Menschen bedeutet, dann Ja. Die Grenzen können helfen. Aber zu welchem Preis? Grenzen sind da um zu kontrollieren, wer rein oder raus geht - will man das in der heutigen Zeit wirklich haben? Mein Freund Udo Lindenberg hat einen wunderbaren Begriff für Deutschland: "Buntesland" - wie schön, dass Deutschland wirklich bunt ist und genau deshalb auch eine solche Kultur bietet. Was ist nötig, damit die Integration von Migranten gelingt? Obama: Ganz wichtig ist, dass die Menschen die deutsche Sprache lernen. Denn das führt zum besseren Verständnis der deutschen Kultur seitens der Migranten. Wichtig ist aber auch, dass man nicht über Migranten redet, sondern mit ihnen. Sie müssen beteiligt werden an der Diskussion um ihr Wohlergehen und die Integration - eine eigene Stimme bekommen. Und das muss bereits in der Schule beginnen. Die Schulen müssen die Vielfalt der Kulturen feiern! Experten erwarten, dass sich in der Zukunft auch Millionen Afrikaner angesichts ihrer Armut auf den Weg nach Europa machen werden. Ihre Prognose? Obama: Welche Experten sind das? Die Realität sieht so aus: Europas natürliche Ressourcen sind zum großen Teil erschöpft. Afrika ist schon der Brotkorb der Welt. Nicht in der Zukunft, sondern jetzt schon sichern sich internationale Konglomerate große Teile des Kontinents und produzieren im Agrarbereich für die sogenannten entwickelten Länder. An der Aufklärung über diesen Reichtum arbeiten wir bei Sauti Kuu hart. Je mehr Afrikaner sich dessen bewusst werden, desto weniger werden den Weg nach Europa suchen. Denn keiner verlässt freiwillig sein Land. Welche Hilfe braucht Afrika? Obama: Wieso braucht ein ganzer Kontinent Hilfe? Diese Art von Fragen verbreiten ein Bild von Afrika, das nicht der Wahrheit dieses großen, vielfältigen und reichhaltigen Kontinents entspricht. Afrika mit seinen unzähligen Sprachen, Kulturen und Traditionen kann man nicht als Ganzes sehen. Leider gibt es hierzulande oft nur das eine Bild von Afrika: Armut, Kriege, Naturkatastrophen. Darauf kann ich eigentlich gar nicht antworten. Auch die Arbeit der Entwicklungspolitik basiert auf Vorurteilen und Stereotypen. Die Menschen in Afrika brauchen Zusammenarbeit auf Augenhöhe, man muss mit ihnen sprechen - und zwar darüber, was sie wirklich brauchen. Man sollte den Leuten zum Beispiel nicht einfach das Fischen beibringen, damit sie sich selbst mit Fisch versorgen können. Man sollte erst einmal fragen, ob sie überhaupt Fisch essen. Leider hat man lange Zeit den armen Menschen "geholfen", ohne zu verlangen, dass sie für sich selbst etwas tun. Dadurch haben die Ärmsten der Armen gelernt, dass sie selbst nichts tun müssen. Die Menschen müssen wegkommen von der Haltung, dass sie wieder im Elend versinken, sobald die Hilfe von außen wegbricht. Werden Sie oft auf Ihren berühmten Halbbruder angesprochen? Obama: Auch Sie sprechen mich nun darauf an. Ich antworte immer gleich. Ich rede nicht ohne Zusammenhang über meine Familie, nur wenn es was zum Thema beiträgt. Sonst verliere ich meine Identität und Authentizität. Wenn ich auf meinen Bruder angesprochen werde, stelle ich oft die Gegenfrage, ob mein Gegenüber Fragen zur Arbeit seiner Geschwister beantworten würde. Mir ist aber durchaus bewusst, dass mir durch meinen Bruder Türen geöffnet werden. Wenn ein berühmter Name der einzige Weg ist, Gehör zu finden, dann sei es so.

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