Das Jahrhunderthochwasser in Minden 1946: Links die zerstörte Weserbrücke, rechts das Provisorium „Francisbridge". - © Horst Grätz
Das Jahrhunderthochwasser in Minden 1946: Links die zerstörte Weserbrücke, rechts das Provisorium „Francisbridge". | © Horst Grätz

Minden 70 Jahre nach der Flut in OWL: Gefahr extremer Hochwasser besteht weiter

Zahlreiche Flüsse in Ostwestfalen-Lippe liefen über die Ufer und überschwemmten Innenstädte

Matthias Bungeroth

Minden. Es war ein Hochwasser, das als Jahrhundertereignis in die Geschichte Ostwestfalen-Lippes einging. Heftige Regenfälle sorgten Anfang Februar 1946 dafür, dass zahlreiche Flüsse in den Kreisen Minden-Lübbecke, Herford, Gütersloh und Höxter über die Ufer traten. Mit verheerenden Folgen: Innenstädte wurden überflutet, Menschen konnten ihre Häuser nur noch per Boot erreichen. In den Kellern verdarben Lebensmittelvorräte.Eine Katastrophe für viele Menschen so kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs. Und Wasserbauexperten warnen vor einer Wiederholung eines solchen Ereignisses. „Wir haben an der Weser einfach Glück gehabt", sagt Wasserbauingenieur Norbert Weinert zum eher ruhigen Verlauf der vergangenen 70 Jahre. Doch die Gefahr eines außerordentlichen Hochwassers sei in der Region stets gegeben.Deshalb bemühen sich Experten der Bezirksregierung Detmold seit dem Jahr 2007, das Thema „Hochwasserschutz" systematisch anzugehen. Der zuständige Dezernent der Bezirksregierung Detmold, Klaus Flachmeier, erläuterte bei einer Veranstaltung aus Anlass des Jahrestags des Hochwassers in Minden die wichtigsten Schritte. Man habe 93 Gewässer in Ostwestfalen-Lippe kartiert, von denen eine Hochwassergefahr ausgehen könne.Hochwassergefahrenkarten sollen den Kommunen Anhaltspunkte dafür geben, wo mögliche Schäden durch Hochwasser vermieden werden können. Entsprechende Managementpläne liegen seit dem Ende des vergangenen Jahres aus. Auch Flachmeier warnt: „Wir haben viele Starkregenereignisse." Das steigere auch die Gefahr von Hochwasser.Wasserbauingenieur Detlef Sönnichsen weist darauf hin, wo er die Hauptverantwortung dafür sieht, dass es in solchen Fällen nicht zu größeren Schäden für Menschen und Sachen kommt. „Die Verwaltung der Kommunen hat die Schlüsselrolle." Sie müsse ihre Einwohner zum Beispiel so beraten, dass es im Hochwasserfall nicht zu Gefährdungen komme. Die Wasserbauingenieure wünschen sich, „dass die Kommunen Hochwasserbeauftragte benennen". Das sieht auch Weinert so: „Die Kommunen kennen ihre Schwachstellen", sagte der Experte. Dort müssten sie ansetzen und die Menschen an die Hand nehmen.Wo Risiko für Hochwasser bestehe, gebe es „Wege, sich selbst zu schützen". Man könne verschiedene bauliche Vorkehrungen treffen und nichts Hochwertiges in die Kellerräume stellen. „Information ist der Schlüssel. Das muss die Kommune gewährleisten", sagte der Experte.Weinert betont zugleich: „Gewässerentwicklung ist kein Hochwasserschutz." Es sei ein Irrglaube mancher Naturschützer zu glauben, dass man mit der Renaturierung von Teilen der Fließgewässer Hochwasser grundsätzlich verhindern könne. „Für Ex-tremereignisse kann das nicht gelten." Auch räumt Weinert mit dem Vorurteil auf, Hochwasserschutzmaßnahmen einer Kommune könnten ein Nachteil für eine Nachbarkommune am selben Fluss sein, weil angeblich die Hochwasserwelle hierdurch beschleunigt werde. „Das ist nicht messbar", so Weinert.Auch ist Weinert ebenfalls dafür, dass betroffene Städte und Gemeinden einen Hochwassermanager einstellen sollten. „Er müsste Schnittstelle sein zwischen Bezirksregierung und Stadtverwaltung." Er könne wichtige Hinweise dafür geben, wo gebaut werden könne und wo nicht. Auch sei er dafür zuständig, Informationen an Hausbesitzer zu verteilen.Kurz gefragt: Klaus Flachmeier zu den Lehren aus der Flut Klaus Flachmeier ist als Dezernent der Bezirksregierung Detmold für die Bereiche Hochwasserschutz, Stauanlagen und Deiche in Ostwestfalen-Lippe zuständig.Warum ist das Hochwasser 1946 so spektakulär ausgefallen? Klaus Flachmeier: Damals fiel ergiebiger Regen auf eine Schneedecke in den Mittelgebirgen. Dadurch kam es zu einem extremen Abfluss in der Weser.Welche Lehren hat die Bezirksregierung Detmold aus diesem Ereignis gezogen? Flachmeier: Unmittelbar nach dem Hochwasser wurden keine weiteren Konsequenzen gezogen. Erst im Jahre 2005 wurde ein Hochwasser-Aktionsplan aufgestellt. Im Jahre 2015 ist der Hochwasserrisikomanagement-Plan Weser fertig geworden.Kann der Hochwasserschutz heute ein Schadensereignis wie vor 70 Jahren verhindern? Flachmeier: Als theoretische Möglichkeit könnte er es, weil inzwischen die gefährdeten Flächen veröffentlicht wurden. Jetzt müssen sich nur noch alle Betroffenen konsequent gegen die bekannte Hochwassergefahr schützen.

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