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Das Nord Stream 1-Gasleck in der Ostsee, fotografiert aus einem Flugzeug der schwedischen Küstenwache. - © Swedish Coast Guard/dpa
Das Nord Stream 1-Gasleck in der Ostsee, fotografiert aus einem Flugzeug der schwedischen Küstenwache. | © Swedish Coast Guard/dpa

Lecks an Gasleitungen Sabotage-Verdacht bei Nord-Stream-Pipelines - Russland leitet Ermittlungen ein

Die Sabotage-Vermutungen zu den Lecks an den Pipelines mehren sich. Das Gas tritt weiter aus. Eine Untersuchung ist nicht sofort möglich. Ein Überblick zur Lage.

28.09.2022 | Stand 28.09.2022, 22:52 Uhr

Brüssel (AFP/dpa). In Zusammenhang mit den Lecks an den Ostsee-Gasleitungen Nord Stream 1 und 2 hat nun auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg von Sabotage gesprochen. In einem Gespräch mit dem dänischen Verteidigungsminister Morten Bødskov sei es um "die Sabotage" der Pipelines gegangen, schrieb der Norweger am Mittwoch auf Twitter. Zudem hätten sie über den Schutz der kritischen Infrastruktur in den Nato-Staaten gesprochen. Auch die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben Erkenntnisse, dass es "keine natürliche Ursache für diesen Vorfall geben kann". Auf die Frage, ob es sich um einen Anschlag handele, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Mittwoch in Berlin aber: "Ich würde das im Augenblick gar nicht beschreiben."

Zuvor hatten führende EU-Politiker im Zusammenhang mit den Lecks an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 von Russland nach Deutschland von Hinweisen auf Vorsatz gesprochen. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell stellte in einer Erklärung am Mittwoch eine "robuste und geeinte Antwort" der EU auf "vorsätzliche Störungen" der europäischen Infrastruktur in Aussicht. Er forderte eine Ermittlung zu den Ursachen für die Lecks. Alle "verfügbaren Informationen" wiesen derzeit auf Vorsatz hin. "Wir werden jegliche Ermittlungen unterstützen, die eine vollständige Klärung der Vorfälle und ihrer Gründe unterstützen", erklärte Borrell.

Aus der Ukraine gab es Vorwürfe, Russland habe die Pipelines sabotiert, um die Energiekrise in Europa zu verschärfen und Panik vor dem Winter auszulösen. Der Kreml wies diese Vorwürfe als "dumm und absurd" zurück. "Es ist ziemlich vorhersehbar und vorhersehbar dumm und absurd, solche Annahmen zu treffen", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch nach Angaben der Agentur Interfax.

Russland hat Ermittlungen wegen Terrorismus eingeleitet

Russland fordert eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats. Die Sitzung werde für Donnerstag erwartet, teilte der Vizechef der russischen UN-Vertretung in New York, Dmitri Poljanski, am Mittwoch auf seinem Telegram-Kanal mit. Auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, erklärte, Russland wolle im Zusammenhang mit den "Provokationen" um die Ostsee-Pipelines eine Sicherheitsratssitzung beantragen.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. - © JONATHAN ERNST
Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. | © JONATHAN ERNST

Russlands Geheimdienst FSB hat Ermittlungen wegen "internationalen Terrorismus" eingeleitet. Die russische Generalstaatsanwaltschaft teilte am Mittwoch im Onlinedienst Telegram mit, die Vorermittlungen seien eingeleitet worden, nachdem die Gaspipelines nahe der Insel Bornholm "vorsätzlich" beschädigt worden seien, was "erheblichen wirtschaftlichen Schaden" für Russland verursacht habe.

Inspektion wohl erst in ein bis zwei Wochen möglich

Die EU werde "weitere Schritte unternehmen, um die Widerstandsfähigkeit unserer Energiesicherheit zu erhöhen", sagte er. EU-Ratspräsident Charles Michel schrieb im Kurzbotschaftendienst Twitter, die "Sabotageakte" an Nord Stream schienen ein "weiterer Versuch zu sein, die Energieversorgung der EU zu destabilisieren". Die Verantwortlichen würden "vollständig zur Verantwortung gezogen" und müssten dafür "bezahlen".

Norwegen sah seine Öl- und Gasanlagen durch die Lecks nicht in konkreter Gefahr. Es bestehe keine spezifische Bedrohung für den norwegischen Festlandsockel, sagte Ministerpräsident Jonas Gahr Støre am Mittwoch der Nachrichtenagentur NTB. Auf diesem Sockel befinden sich die Anlagen. Hilfe vonseiten der Nato bedürfe es derzeit nicht, sagte Støre demnach.

Die Deutsche Marine werde sich nach den Worten von Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) an der Aufklärung des mutmaßlichen Sabotageakts beteiligen.

Gas tritt weiter mit Kraft aus

Die Inspektion der Lecks an den Ostsee-Pipelines werde nach Angaben der dänischen Regierung voraussichtlich erst in ein bis zwei Wochen möglich sein. Der dänische Verteidigungsminister Morten Bodskov verwies am Mittwoch auf den derzeit in den Leitungen herrschenden Druck und die Menge des austretenden Gases als Hindernisse für die Inspektion. Es sei realistischerweise davon auszugehen, dass es "ohne Weiteres ein bis zwei Wochen dauern kann", bis sich die Lage an den Lecks so weit entspannt habe, "dass sich anschauen lässt, was tatsächlich passiert ist" sagte Bodskov am Rande des Treffens mit Stoltenberg in Brüssel.

Das Gas aus den drei Lecks tritt nach Angaben der schwedischen Küstenwache mit unveränderter Kraft aus. "Leider kann das Gas nicht eingefangen oder bekämpft werden", sagte ein Sprecher der Küstenwache der "Deutschen Presse-Agentur" am Mittwoch. Zur Menge des austretenden Gases konnte er keine Angaben machen. "Wir sind aber sehr sicher, dass die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen ausreichen, damit niemand zu Schaden kommt." Nach Angaben der dänischen Energiebehörde ist bereits mehr als die Hälfte des Gases aus den betroffenen Leitungen entwichen. Voraussichtlich am Sonntag sollen die Leitungen demnach leer sein, wie Behördenchef Kristoffer Böttzauw bei einer Pressekonferenz am Mittwoch sagte.

Schwedens Ministerpräsidentin berichtet von "Detonationen"

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte am Dienstagabend erklärt, sie habe mit der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen über "den Sabotageakt" gesprochen. Frederiksen sagte, die Lecks seien durch "vorsätzliche Handlungen" und nicht durch einen Unfall entstanden. Schwedens Ministerpräsidentin Magdalena Andersson berichtete von "Detonationen".

Aus den Pipelines Nord Stream 1 und 2 von Russland nach Deutschland tritt seit Montag an drei Stellen in dänischen und schwedischen Hoheitsgewässern in der Nähe der dänischen Insel Bornholm Gas aus. Die dänische Marine veröffentlichte Aufnahmen, auf denen eine großflächige Blasenbildung an der Meeresoberfläche zu sehen ist. Zu einer möglichen Ursache der Lecks lagen von offizieller Seite zunächst keine Angaben vor. Vermutet wird aber ein Sabotageakt.

Frederiksen sagte, die klare Meinung der dänischen Behörden sei, dass es sich nicht um einen Unfall handele. Zu möglichen Verursachern äußerte sie sich nicht. Die Leitungen von Nord Stream 1 und 2 sind derzeit zwar nicht in Betrieb, aber mit Gas gefüllt. Kopenhagen gehe davon aus, dass es noch "mindestens eine Woche" dauern werde, bis das aus den Leitungen austretende Methan aufgebraucht sei, sagte der dänische Energie- und Klimaminister Dan Jörgensen.

Bericht: CIA warnte vor Anschlägen auf Pipelines

Von der Leyen erklärte auf Twitter, es sei nun von größter Bedeutung, die Vorfälle zu untersuchen, um "vollständige Klarheit" über die Geschehnisse und den Hintergrund zu erhalten. Jede absichtliche Unterbrechung der europäischen Energieinfrastruktur sei "inakzeptabel und wird zu der stärksten möglichen Reaktion führen", warnte sie. Auch die US-Regierung geht Berichten nach, denen zufolge die Lecks "das Ergebnis eines Angriffs oder einer Art Sabotage" sind, wie Außenminister Antony Blinken sagte. Der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan sagte, Washington unterstütze Forderungen nach einer Untersuchung und werde sich weiter dafür einsetzen, "Europas Energiesicherheit zu gewährleisten".

Der US-Geheimdienst CIA warnte die Bundesregierung einem Medienbericht zufolge schon vor Wochen vor möglichen Anschlägen auf Erdgas-Pipelines in der Ostsee. Ein solcher Hinweis des US-Auslandsgeheimdienstes sei im Sommer in Berlin eingegangen, berichtete der "Spiegel" am Dienstag unter Berufung auf "mit dem Sachverhalt vertrauten Personen". Die CIA reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage der Nachrichtenagentur AFP.

Die Betreiberfirma Nord Stream kündigte eine Untersuchung an, um in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden die Schäden festzustellen und die Ursachen des Vorfalls zu klären. Derzeit sei nicht abzuschätzen, wie lange es dauern werde, die Pipelines zu reparieren. Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki sprach von einem "Sabotageakt", bei dem es sich "wahrscheinlich um die nächste Eskalationsstufe" im Ukraine-Konflikt handele.

Der norwegische Militärwissenschaftler und Marineoffizier Tor Ivar Strömmen sagte AFP, für ihn komme nur Russland als Verantwortlicher in Frage. "Lecks an Gaspipelines sind extrem selten", sagte Strömmen. Die Nord-Stream-Leitungen seien zudem recht neu, im Fall von Nord Stream 2 sogar sehr neu. Da bleibe eigentlich nur Sabotage als Erklärung. "Ich sehe nur einen möglichen Akteur und das ist Russland", führte der Offizier aus.

Das Umweltbundesamt (UBA) ist derweil besorgt über freitretendes Methan. Nach Berechnungen der Behörde führen die Schäden zu etwa 7,5 Millionen Tonnen an sogenannten CO?-Äquivalenten. Das entspreche etwa einem Prozent der deutschen Jahres-Gesamtemissionen, teilte das UBA am Mittwoch mit. Die Berechnung stütze sich auf geschätzte Informationen zu Füllzustand und Volumen der beiden Pipelines.

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