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Ein Checkpoint in Kiew, im Hintergrund ein Karrussell. - © AFP or licensors
Ein Checkpoint in Kiew, im Hintergrund ein Karrussell. | © AFP or licensors

100 Jahre Belagerungen, Eroberungen, Revolutionen - Kiew kommt nicht zur Ruhe

Seit dem Angriff Putins kämpft Kiew wieder um seine Existenz als Hauptstadt einer unabhängigen Ukraine. Die Stadt erleidet immer wieder das gleiche Schicksal.

26.03.2022 , 19:00 Uhr

Von fremden Truppen belagert, im Kampf um ihr Überleben als Hauptstadt eines unabhängigen Landes - Kiew erleidet immer wieder das gleiche Schicksal. Seit dem Zusammenbruch des Zarenreichs im Jahr 1917 kommt die Stadt als Zentrum der ukrainischen Nationalbewegung nicht zur Ruhe. Ein Überblick über ein Jahrhundert der Angriffe, Belagerungen und Revolutionen.

Von 1917 bis 1920 - wechselnde Besatzer

Schon vor der russischen Februarrevolution 1917 versuchten die Ukrainer, sich vom Zarenreich im Osten und dem österreichisch-ungarischen Kaiserreich im Westen zu befreien. Nach der russischen Oktoberrevolution unter Lenin riefen Nationalisten eine autonome Ukrainische Volksrepublik mit Kiew als Hauptstadt aus, am 22. Januar 1918 erklärten sie die Unabhängigkeit. Ihrerseits riefen die Bolschewiki von Charkiw aus die Ukrainische Sowjetrepublik aus. Einen Monat später eroberte die Rote Armee Kiew. Im März 1918 besetzten die Deutschen die Ukraine, vertrieben die Bolschewiki aus der Stadt und unterstützten den Putsch eines ehemaligen Generals der Zaren-Armee. Nach dem Ersten Weltkrieg zog sich das besiegte deutsche Kaiserreich aus der Ukraine zurück, kurz darauf eroberten die ukrainischen Nationalisten Kiew zurück. Bis 1920 war Kiew ebenso wie der Rest der Ukraine Schauplatz von Kämpfen infolge des Russischen Bürgerkriegs. Der Versuch, ein unabhängiger Staat zu werden, scheiterte und endete schließlich mit der Eingliederung in die Sowjetunion.

Kiew in der Sowjetzeit

Bis 1934 war Charkiw die Hauptstadt der Sowjetrepublik, dann zog die Regierung wieder nach Kiew. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 umzingelten und bombardierten die Nazis mit ihren ungarischen und rumänischen Verbündeten auch Kiew. Ein großer Teil des historischen Zentrums wurde von den sich zurückziehenden Sowjets zerstört. Im September 1941 dann zogen die Nazis in Kiew ein. Nur wenige Tage später, am 29. und 30. September, erschossen deutsche Polizisten, Wehrmachtsangehörige und SS-Kommandos nahe Kiew in der Schlucht von Babyn Jar mehr als 33.000 ukrainische Juden. Bis 1943 wurden in dem Gebiet bis zu 100.000 Menschen getötet - Juden, Roma und sowjetische Kriegsgefangene. Im November 1943 befreite die Rote Armee Kiew. 40 Prozent seiner Gebäude waren zerstört. Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Wiederaufbau; bis zum Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 blieb Kiew aber stets im Schatten Moskaus.

Unabhängigkeit und pro-europäische Revolutionen

Im Dezember 1991 stimmte eine große Mehrheit der Bevölkerung in einem Referendum für die Unabhängigkeit der Ukraine. In der Folgezeit wurden zahlreiche unter Stalin zerstörte Bauwerke wieder aufgebaut. Im 21. Jahrhundert wurde Kiews Platz der Unabhängigkeit - Maidan - dann zum Zentrum zweier Aufstände gegen den großen Einfluss Moskaus auf die Regierung. Mit der "Orangenen Revolution" erzwangen Hunderttausende dort im November 2004 eine Wiederholung der offenbar gefälschten Präsidentschaftswahl. Als Sieger ging der pro-westliche Kandidat Viktor Juschtschenko aus der Neuwahl hervor. Aufgrund der lähmenden Machtkämpfe zwischen den Protagonisten der "Orangenen Revolution" gewann sechs Jahre später Juschtschenkos einstiger Rivale Viktor Janukowitsch die Wahl. Als Janukowitsch aber unter dem Druck Moskaus im November 2013 die Unterschrift unter einem Assoziierungsabkommen mit der EU verweigerte, löste dies erneut Massenproteste aus. Hunderttausende gingen trotz gewaltsamer Polizeieinsätze auf die Straße, drei Monate lang war der Maidan Tag und Nacht besetzt. Die Proteste endeten zwischen dem 18. und 20. Februar 2014 in einem Blutbad sowie mit der Flucht Janukowitschs.

Moskaus Reaktion

Moskau antwortete kurze Zeit darauf mit der Besetzung und Annektierung der Krim-Halbinsel, gleichzeitig riefen pro-russische Separatisten im Osten die "souveränen Volksrepubliken" Donezk und Luhansk aus. Acht Jahre danach, am 24. Februar 2022, beginnt der Ukraine-Krieg mit dem Einmarsch russischer Truppen. Seitdem kämpft Kiew wieder um seine Existenz als Hauptstadt einer unabhängigen Ukraine. (AFP)

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