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Andreas Zick, Konflikt- und Gewaltforscher der Universität Bielefeld. - © picture alliance/dpa
Andreas Zick, Konflikt- und Gewaltforscher der Universität Bielefeld. | © picture alliance/dpa

Bielefelder Forscher zu Halle „Jetzt ist die Mehrheitsgesellschaft gehalten, zu zeigen: Wir sind da"

Der Bielefelder Gewaltforscher Andreas Zick macht das ideologische Umfeld des Täters mitverantwortlich. Die Gesellschaft habe aber Möglichkeiten, solche Taten im Vorfeld zu verhindern.

Matthias Bungeroth
11.10.2019 | Stand 11.10.2019, 09:26 Uhr

Bielefeld. Andreas Zick gehört zu den führenden Konflikt- und Gewaltforschern in Europa. Doch wenn aktuelle Gewalttaten wie die in Halle (Saale) die Schlagzeilen bestimmen, dann tritt bei dem Professor an der Universität Bielefeld zunächst das analytische Denken des Forschers hinter persönlichen Empfindungen zurück. „Man ist betroffen. Ich habe sofort jüdische Freunde angeschrieben und gefragt, ob es ihnen gut geht", berichtet der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. „Jede Gewalttat ist eine zu viel. Darüber denken wir als Forscher auch nach", sagt Zick im Gespräch. Zick: Umfeld genau analysieren Man müsse sich danach natürlich auch mit den Folgen einer solchen Tat für die Gesellschaft und die Politik auseinandersetzen. Ein Tatverdächtiger wie der in Halle (Saale) sei immer eingebettet in ein soziales Umfeld, das bestimmte Feindbilder verstärke, die letztlich bis zu der grausamen Tat geführt hätten, so der Gewaltforscher. Dieses Umfeld müsse genau analysiert werden. „Wir sehen genau hin", so Zick. „Rechtsextreme Milieus haben auch in Halle eine Geschichte. Im Alltag verdrängen wir solche Gefahren." Der Rechtsextremismus ist nach der Beobachtung des Forschers „professioneller geworden". Für den Tatverdächtigen habe dieses Netz „eine reale Identität hergestellt". Es gebe eine generelle Gefahrenlage, warnt Zick. Er befürchtet: „Auch andere Zellen könnten sich motiviert fühlen, eine solche Tat zu verüben." Man müsse diese Gefahr ernst nehmen, „ohne hektisch zu werden", so der Gewaltforscher. Gefahr besteht schon länger Er gibt zu bedenken, dass dieses Gefahrenmoment nicht erst seit der jüngsten Tat von Halle (Saale) in Deutschland besteht. „Wir leben in einem Land, in dem fast jede jüdische Einrichtung seit den 1960er-Jahren unter Beobachtung ist." Gewalttaten wie die jüngste müssten die Menschen befähigen, hinzuschauen, fordert der Wissenschaftler. „Rituale sind wichtig", weiß Zick. Deshalb seien auch die Mahnwachen vor jüdischen Synagogen ein erster, richtiger Schritt der Zivilgesellschaft gewesen. Zick fügt hinzu: „Die Rituale werden nicht reichen, aber sie sind wichtig für die Demokratie." Auch für die Juden in Deutschland seien diese Zeichen enorm wichtig. „Jetzt ist die Mehrheitsgesellschaft gehalten, zu zeigen: Wir sind da. Wir stellen uns vor euch." Auch Schulen müssten fähig sein, über solche Gewalttaten zu sprechen. Große Vorurteile gegenüber Minderheiten Denn Zick bekennt auch: „Wir führen seit 17 Jahren Studien durch. Wir sehen, dass Demokratiemisstrauen bei sehr vielen Menschen Anklang gefunden hat." Auch jetzt werde sich viel Kritik gegen staatliche Instanzen und die Eliten richten, die es nicht geschafft hätten, eine solche Tat zu verhindern. Entscheidend sei aber eine Antwort auf die Frage: „Ist das Land stark genug, um Zivilcourage zu aktivieren?" Das Ausmaß an kursierenden Vorurteilen gegenüber Minderheiten sei sei aktuell sehr groß. „Das macht eine Demokratie instabil." Es gebe 24.000 organisierte Rechtsextreme in Deutschland, die Hälfte davon sei gewaltbereit. Menschenfeindlichkeit und Gewaltorientierung würden in unserer Gesellschaft stärker, so Zick. Hinzu komme die Tendenz, dass die Inszenierung extremistisch motivierter Gewalttaten, etwa durch Videos im Internet, zunehme. „Da gibt es richtige Wettbewerbe." Zick fordert deshalb einen vielschichtigeren präventiven Kampf gegen diesen Trend, in den viele Experten wie Sozialarbeiter und Juristen und nicht nur Behörden einbezogen werden sollten: „Die Ideologie kommt vor der Tat." Dort müsse man ansetzen und die Szene beobachten. „Dann können wir das Verhalten besser vorhersehen und eingreifen."

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