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Der mutmaßliche Attentäter von Halle (Saale) wird von Polizisten aus einem Hubschrauber zum Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof gebracht. - © picture alliance
Der mutmaßliche Attentäter von Halle (Saale) wird von Polizisten aus einem Hubschrauber zum Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof gebracht. | © picture alliance

Anschlag in Halle Die Welt des mutmaßlichen Täters Stephan B.

Stück für Stück setzen die Ermittler das Bild vom Angriff des Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle zusammen. Was trieb den 27-Jährigen an?

Jan Sternberg
10.10.2019 | Stand 11.10.2019, 06:37 Uhr
Markus Decker

Halle (Saale)/Berlin. Die Nachbarn in der Straße des Aufbaus in Benndorf im Mansfelder Land in Sachsen-Anhalt saßen gerade vor dem Fernseher und guckten das Fußballspiel Deutschland gegen Argentinien. Plötzlich flackerten die Decken im Wohnzimmer hektisch blau. Dutzende Mannschaftswagen fuhren am Mittwochabend vor, Beamte in Schutzwesten stürmten in die Wohnung im ersten Stock links. Hier wohnt der Halle-Attentäter Stephan B. bei seiner Mutter, einer bei ihren Schülern beliebten Grundschullehrerin. Der fabrikneue VW Golf mit dem auswärtigen Kennzeichen ist Eckhard Höppner schon am Montag aufgefallen. Der Rentner führt in Jogginghose seinen Hund auf der Hauptstraße spazieren. Es gibt viele Rentner und viele Hunde hier in der einst stolzen Bergarbeitersiedlung. „Ich bin ein Autofreak", sagt Höppner über sich, deswegen habe er sich den Neuwagen gemerkt, den Stephan B. für seine Terrorfahrt angemietet hatte. Zwei Tage stand der Wagen vor dem Block, am Mittwochvormittag dann lud der 27-Jährige seine selbstgebauten Waffen und Sprengsätze mit vier Kilogramm Sprengstoff in den Golf und machte sich auf den Weg, Menschen zu töten. Ein Mann, der in seiner eigenen Welt lebte Bemerkt hat davon in Benndorf niemand etwas. Wenn man sich umhört in dem Ort, bekommt man den Eindruck eines Mannes, der in seiner eigenen Welt lebte. In Onlinewelten und Chaträumen, in denen sich Rechtsradikalismus und Antisemitismus mit Waffenbauanleitungen und gegenseitiger Radikalisierung zu einer tödlichen Terrormischung verbinden. „Er war immer online", sagt sein Vater, den die Bild-Zeitung im Nachbarort Helbra herausgeklingelt hat. Und: „Er war nicht im Reinen mit sich und der Welt." Stephan B. und seine Mutter wohnen erst seit ein paar Jahren hier, die Mutter ist Lehrerin im Nachbarort. Ihr Ford Fiesta steht noch vor dem Haus. Sie sei während der Razzia zusammengebrochen und liege jetzt im Krankenhaus, sagt der Nachbar aus der Erdgeschosswohnung. Polizei mit Schutzwesten in der Wohnung, der Sohn ein Attentäter – welche Mutter hält das aus? Als Stephan 14 war, ließen sich die Eltern scheiden. Als Schüler war er ein begeisterter Schachspieler, dann ersetzte der Bildschirm das Brett. Ein Chemiestudium habe er abgebrochen, eine schwere Operation warf ihn zurück. Er soll zuletzt arbeitslos gewesen sein, sagen Nachbarn. Keine Freunde, keine Freundin „Wenn er einem auf der Straße begegnete, zog er die Schultern ein und guckte zu Boden", sagt Mario Zanirato, der schräg gegenüber wohnt. „Er ist immer gebückt gegangen, als wenn er in sich gekehrt wäre." Zanirato, ein agiler 73-Jähriger, ist nicht nur Nachbar, sondern auch Bürgermeister von Benndorf. „Dass er ein Neonazi ist, war nicht zu bemerken", sagt er. Keine Sprüche, Parolen, einschlägige Freunde. Überhaupt keine Freunde – und keine Freundin. Aber seine Tat sei die eines Neonazis gewesen, sagt der Bürgermeister. Das ist spätestens klar, seitdem das Video seiner Tat im Netz kursiert. Eine gute halbe Stunde dauert die Dokumentation des Terrors, die der Attentäter von Halle live im Internet mitlaufen lässt. Minutenlang richtet er die Technik ein, richtet die Kamera auf sich, stellt sich mit dem Namen Anon vor und spricht einige Sätze in sehr auswendig gelernt wirkendem Englisch. Er will offenbar ein internationales Publikum ansprechen. Die Streamingplattform Twitch, die er dafür nutzt, wird in der Gamerszene vor allem für die Übertragung von Videospielen genutzt, oft Egoshootern, damit andere Spieler sie verfolgen und bewerten können. Schreiben vor der Tat im Internet verbreitet In den wenigen Sätzen, die Stephan B. dort in seine Handykamera sagt, als er schon vor der Synagoge parkt, werden seine menschenverachtenden Ansichten deutlich und sein Ziel: „Möglichst viele Anti-Weiße töten, Juden bevorzugt." Das kündigte der 27-Jährige so auch in einem Schreiben an, das er offenbar vor der Tat im Internet verbreitete. Experten halten das elfseitige, auf Englisch formulierte PDF-Dokument für echt, es liegt Mitarbeitern unserer Zeitung vor. Es besteht aus drei Komponenten: seinen Waffen, seinem Plan und einer Reihe von Codewörtern. Auf den ersten neun Seiten des „short pre-action report", wie es überschrieben ist, sind sämtliche Waffen fein säuberlich abfotografiert. Darunter detaillierte Beschreibungen ihrer Eigenschaften und Funktionsweise. Sogar seine Kameraausrüstung listet er sehr detailliert auf. Der Angriff an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, war keine spontane Aktion, das wird anhand des Schreibens deutlich. Für die Synagoge hatte er sich dann aus seiner zutiefst antisemitischen Haltung entschieden: Juden steuerten aus seiner Sicht die Regierung in Deutschland und müssten attackiert werden. Worte werden zu Taten Der Antisemitismus, der Hass, die hemmungslose Gewalt – offenbar scheint sich der Täter selbst radikalisiert zu haben, mithilfe seines Computers, in seinem Zimmer. In Onlinewelten, in Chats unter Gleichgesinnten. Gleichzeitig aber ist er mit seinen radikalen Gedanken auch in der echten Welt nicht allein. Die Gewalt gegen jüdisches Leben in Deutschland wächst seit Jahren stetig. Die Sprache in der politischen Debatte verroht zusehends. Menschen werden verbal ausgegrenzt, rechte Zirkel arbeiten sehr erfolgreich daran, rechtes Gedankengut im Mainstream unterzubringen. Flüchtlinge werden auf offener Straße attackiert, Lokalpolitiker bedroht und – im Fall Walter Lübcke aus Kassel – mutmaßlich sogar von einem Rechtsextremisten erschossen. Gleichzeitig feiert die AfD mit radikalen Thesen zur Migrationspolitik vor allem im Osten Deutschlands Wahlerfolg um Wahlerfolg. Fühlte sich der Täter von Halle, der nach wie vor schweigt, also womöglich durch die gesellschaftliche Stimmung zu seiner Tat ermuntert? Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) scheint das so zu sehen. „Sehr oft kann es passieren, dass aus Worten Taten werden. Doch das muss unterbunden werden", sagte Merkel am Donnerstag beim Gewerkschaftstag der IG Metall in Nürnberg. Und auch das Staatsoberhaupt, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, appellierte an die Bürger, sich gegen Hass zu engagieren. Wer jetzt noch einen Funken Verständnis für Rechtsextremismus und Rassenhass zeige, wer politisch motivierte Gewalt gegen Andersdenkende und Andersgläubige rechtfertige, der mache sich mitschuldig, sagte das Staatsoberhaupt bei einem Besuch am Tatort in Halle. AfD wehrt sich gegen den Vorwurf der "geistigen Brandstiftung" Der bayerische Innenminister Joachim Hermann (CSU) gab der AfD sogar ganz direkt eine Mitschuld an dem Anschlag. Er sprach von „geistigen Brandstiftern". In letzter Zeit seien da auch einige Vertreter der AfD in unverschämter Weise aufgefallen, so der CSU-Politiker. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) pflichtete ihm bei. „Auch ich habe immer gewarnt, dass rechte Hetze, der Gebrauch von Nazi-Sprache und das Jonglieren mit NS-Gedankengut wie zum Beispiel von Herrn Höcke gefährlich sind und den Boden für schreckliche Taten bereiten können." Die AfD wehrte sich. „Wer dieses entsetzliche Verbrechen missbraucht, um die politische Konkurrenz mit haltlosen Diffamierungen zu verleumden, der spaltet die Gesellschaft und schwächt das demokratische Fundament, auf dem wir stehen", sagte die AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alice Weidel. Thüringens Partei- und Fraktionschef Björn Höcke beklagte ein „wahnhaftes Verbrechen". Tatsächlich sprechen auch höchste Regierungsstellen von einer hohen Bedrohungslage. Neben dem islamistischen Terrorismus seien Antisemitismus und Rechtsterrorismus die zentralen Herausforderungen für das Land, erklärte gestern Bundesinnenminister Horst Seehofer. „Dieses brutale Verbrechen ist eine Schande für unser ganzes Land", sagte er und ergänzte: „Bei unserer Geschichte darf so etwas in Deutschland eigentlich nicht passieren." Nun will der Innenminister für einen besseren Schutz jüdischer Einrichtungen sorgen. Gibt es ein Netzwerk von Unterstützern? In Benndorf muss Bürgermeister Zanirato jetzt den Benndorfern helfen, zur Normalität zurückzufinden. „Wir müssen zur Ruhe kommen", sagt er. Am Donnerstag war das nicht möglich. Immer neue Polizeiautos fuhren vor, Kriminaltechnik vom LKA und vom BKA. Der Generalbundesanwalt führt die Ermittlungen. Gestern wurde Stephan B. per Hubschrauber nach Karlsruhe gebracht. Noch sind viele Fragen offen. Hat Stephan B. seine Waffen und Bomben wirklich in der 69-Quadratmeter-Wohnung seiner Mutter gebaut? Und welchen Gleichgesinnten hat er sein „Manifest", das er vor der Tat verfasste, zum Lesen gegeben? Gibt es vielleicht doch ein Netzwerk, das die Terrortat unterstützte? Nicht nur in Benndorf ist die Aufklärung erst ganz am Anfang.

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