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Der mutmaßliche Täter von Halle. - © Andreas Splett / ATV-Studio Halle / AFP
Der mutmaßliche Täter von Halle. | © Andreas Splett / ATV-Studio Halle / AFP

Anschlag in Halle Experte: "Täter heroisiert sich, seine Opfer will er demütigen"

Der mutmaßliche Täter war nach dem Anschlag in Halle festgenommen worden. Ein Extremismusforscher hat das Video ausgewertet, das die Tat zeigen soll.

10.10.2019 | Stand 10.10.2019, 11:50 Uhr

Berlin (dpa/KNA). Der mutmaßliche Täter der Angriffe in Halle/Saale wollte nach Experteneinschätzung eine internationale rechte Internet-Subkultur erreichen. Zu diesem Ergebnis kommt der Extremismusforscher Matthias Quent mit Blick auf ein am Mittwoch verbreitetes Video, das die Tat zeigen soll. „Er spricht Englisch und er greift Verschwörungstheorien auf, zum Beispiel über die angeblich zerstörerische Macht des Judentums. Er äußert sich auch abwertend über Feminismus", sagte Quent. „Das sind Motive der weltweiten radikalen und populistischen Rechten." "Ästhetik eines Videospiels" Ein schwerbewaffneter Täter hatte in Halle versucht, in eine Synagoge einzudringen und dort unter Dutzenden Gläubigen ein Blutbad anzurichten. Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. aus Sachsen-Anhalt wollte die Synagoge wohl mit Waffengewalt stürmen, scheiterte jedoch. Der 27-jährige Deutsche soll vor der Synagoge und in einem Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt haben. Er wurde festgenommen. „Das Video folgt der Ästhetik eines Videospiels, auch durch die Ego-Shooter-Perspektive", sagte Quent. Die Aufnahmen folgen der Perspektive des Täters, immer wieder ragt der Lauf einer Waffe ins Bild. „Der Täter heroisiert sich, seine Opfer will er demütigen." Quent: Nicht nur Einzelmeinung eines Spinners Dennoch solle man Erfahrung mit Videospielen als einen möglichen Auslöser nicht überbewerten - sonst müssten solche Taten viel häufiger sein. „Außerdem würde es die politische Motivation aus dem Fokus rücken", warnte Quent. „Was er äußert, das sind nicht nur Einzelmeinungen eines Spinners. Es ist Ausdruck einer verbreiteten rechtsextremen Ideologie." Auch der Rechtsterrorismus-Experte Toralf Staud hält in Bezug auf den Attentäter von Halle den Begriff "Einzeltäter" für unzutreffend. "Das Gegenteil ist der Fall. Diese Täter sind eingebettet in einen rechtsextremen Kontext und Ideologie. Sie sind vernetzte sogenannte 'lone wulfs'", sagte Staud im Bayerischen Rundfunk. Dieser Tätertyp sei "typisch" für den rechten Terrorismus und für die Sicherheitskräfte nur sehr schwer auffindbar. Forscher fordert Beratungsangebote Staud verwies darauf, dass Halle bekannt dafür sei, "eine Hochburg der 'Identitären Bewegung'" zu sein. Daher überrasche ihn der Anschlag nicht wirklich. Diese Bewegung betreibe in besonderem Maße antisemitische Propaganda im Netz. "Und auf diese Thesen nimmt der Täter in seinem Video auch Bezug", so der Rechtsextremismus-Experte. Forscher Quent betonte, bei vergleichbaren Taten werde schnell nach mehr Überwachung gerufen. „Aber einer solchen Tat geht vieles voraus, das auch dem sozialen Umfeld auffallen könnte, etwa die Beschaffung von Waffen oder menschenverachtende Äußerungen. Hier braucht es niedrigschwellige Beratungsangebote für Menschen, die sich Gedanken machen, wenn ihnen ein Bekannter oder Verwandter auffällig vorkommt, ohne diese gleich bei Polizei oder Geheimdiensten zu melden", forderte er.

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