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Mittelmeer: Die Zahl der Bootsflüchtlinge hat im ersten Halbjahr 2019 deutlich abgenommen. - © picture alliance
Mittelmeer: Die Zahl der Bootsflüchtlinge hat im ersten Halbjahr 2019 deutlich abgenommen. | © picture alliance

Flüchtlinge Analyse: Weniger Flüchtlinge und Todesfälle im Mittelmeer

Die Zahl der Kooperationen mit Transitländern steigt

Ralph Schulze
09.07.2019 | Stand 09.07.2019, 19:07 Uhr

Brüssel. Angesichts täglicher Meldungen über blockierte Rettungsschiffe, ertrunkene Flüchtlinge und Streit über die europäische Migrationspolitik könnte man den Eindruck gewinnen, dass immer mehr schutzsuchende Menschen in Südeuropa ankommen. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Die Zahl der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer hat im ersten Halbjahr 2019 deutlich abgenommen. In den ersten sechs Monaten wurden nur noch knapp 30.000 Flüchtlinge und Migranten an den südeuropäischen Küsten registriert. Das ist gut ein Drittel weniger als im Vergleichszeitraum 2018, in dem noch rund 46.000 in den südeuropäischen Mittelmeerstaaten ankamen. Die meisten Ankünfte über den Seeweg werden derzeit in Griechenland und Spanien registriert. Zahl der Todesfälle im Mittelmeer geht auch zurück Wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) mitteilte, ging auch die Zahl der bekanntgewordenen Todesfälle im Mittelmeer stark zurück. Bis zum 3. Juli starben nach der Statistik 681 Menschen beim Versuch, Europa per Boot zu erreichen. In 2018 waren im gleichen Zeitraum noch 1.414 Tote erfasst worden. Dies sind allerdings nur die offiziell gemeldeten Fälle. Es wird vermutet, dass sich etliche Tragödien auf hoher See unbemerkt von der Öffentlichkeit abspielen. Damit setzt sich die Tendenz des Jahres 2018 fort, in dem bereits eine erhebliche Verringerung der Bootsankünfte in Südeuropa wie auch der Opferzahlen verzeichnet worden war. Der Rückgang wird vor allem mit der restriktiven Flüchtlingspolitik in Italien und Spanien begründet. In Italien ging die Zahl der Bootsmigranten seit Januar 2019 auf 2.800 zurück, im ersten Halbjahr 2018 waren es noch knapp 17.000. Auch in Spanien reduzierte sich die Zahl der Ankünfte im ersten Halbjahr deutlich von 15.500 (2018) auf 10.500 (2019). Libyer griffen etwa 3.700 Migranten im Mittelmeer auf Italien sperrte seine Häfen für private Rettungsschiffe und schloss bereits 2017 mit dem Bürgerkriegsland Libyen ein Kooperationsabkommen. Teil des von der EU unterstützten Abkommens ist, dass möglichst viele Boote von der libyschen Küstenwacht abgefangen und zurückgeschleppt werden. Nach IOM-Angaben griffen die Libyer im ersten Halbjahr etwa 3.700 Migranten im Mittelmeer auf, die dann meist in Lagern interniert wurden, wo katastrophale Bedingungen herrschen. In einem dieser Lager nahe der Hauptstadt Tripolis starben Anfang Juli bei einem Luftangriff von Rebellen 53 Menschen. Seit 2019 fährt auch Spanien, das 2018 vorübergehend zum Hauptankunftsland am Mittelmeer geworden war, einen härteren Kurs. Nach dem Vorbild des italienisch-libyschen Abkommens vereinbarte Madrid mit Marokko eine enge Zusammenarbeit beim Kampf gegen die irreguläre Einwanderung. Seitdem versucht Marokko an Land wie vor der Küste, die Migrationsroute Richtung Spanien zu kappen. Nach Angaben der marokkanischen Regierung wurden seit Jahresbeginn 40.000 Migranten davon abgehalten, nach Europa zu gelangen. Rabat wurde dafür seitens der EU Finanzhilfe und Ausrüstung für den Grenzschutz zugesagt. Die meisten Boote kommen in Griechenland an Durch die Abnahme des Migrationsdrucks auf Spanien wie Italien wurde nun Griechenland wieder zu jenem EU-Land, in dem die meisten Boote ankommen. Seit Januar wurden dort knapp 14.000 Flüchtlinge und Migranten gezählt. Das sind etwa gleich viele wie im selben Zeitraum in 2018. Damit ist Griechenland aber weit von jener humanitären Krise im Jahr 2015 entfernt, als 850.000 Bootsmigranten antrieben. 2016 hatte die EU ein Migrationsabkommen mit der Türkei geschlossen, wodurch die Zahl der Ankünfte an den griechischen Küsten stark sank. Griechenlands neuer konservativer Premier Kyriakos Mitsotakis kündigte an, dass er nun ebenfalls, wie zuvor schon Italien und Spanien, die Migrationspolitik weiter verschärfen und noch bestehende Schlupflöcher verschließen wolle. Es ist also unter dem Strich damit zu rechnen, dass sich die rückläufige Tendenz der Migration übers Mittelmeer fortsetzen wird.

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