Im Interview mit nw.de: Margot Kaessmann, ehemalige Landesbischoefin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, im Cafe Konrad in Hannover. - © Jens Schulze
Im Interview mit nw.de: Margot Kaessmann, ehemalige Landesbischoefin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, im Cafe Konrad in Hannover. | © Jens Schulze

Theologin Margot Käßmann Weihnachts-Interview: „Es gibt in unserer Welt genug zu tun“

Die ehemalige Landesbischöfin über Ungerechtigkeit, zu geringen Lohn, soziales Engagement und das Glück, in Deutschland zu leben.

Hannover. Margot Käßmann weht zur Tür herein. Trotz Schmuddelwetter hat sich die ehemalige Bischöfin per Fahrrad auf den Weg ins Café Konrad in der Altstadt Hannovers gemacht, nahe der Marktkirche. Dort hat sie oft gepredigt. Jetzt ist sie im Ruhestand, doch ihre Stimme erhebt sie weiter. Es geht um Gott und die Welt.

Frau Käßmann, Weihnachten 2018: Wie feiern Sie Christi Geburt?
Margot Kässmann: Ich fahre zu meiner Tochter nach Mainz, die mit drei Töchtern und ihrem Mann dort wohnt. Am 1. Weihnachtstag bin ich in Hannover bei den beiden dort wohnenden Töchtern und ihren Familien samt drei weiteren Enkeln. Am 2. Feiertag kommt meine Tochter aus Berlin dorthin. Wir sind sozusagen eine multilokale Großfamilie. In Mainz gehen wir natürlich auch in den Gottesdienst. Ohne das wäre Weihnachten nicht vorstellbar.

Wir leben in turbulenten Zeiten. Warum ist Weihnachten gerade jetzt ein besonders guter Anlass, innezuhalten?
Kässmann: Ich denke, dass die Menschen viel zu wenig zur Ruhe kommen, um über die Grundfragen des Lebens nachzudenken: Was ist wirklich wichtig? Weihnachten etwa steht unter einem enormen Leistungsdruck. Es muss schön und harmonisch sein. Da würde ich die Menschen gerne entlasten. Entzieht euch dem Druck, dass es perfekt sein muss! Und getrennt lebende Eltern sollten ihre Kinder von den eigenen Konflikten verschonen.

Vieles, was fest gefügt schien in Gesellschaft, Kirche und Politik scheint ins Wanken zu geraten. Warum?
Kässmann: Tabus wurden gebrochen, etwa wie Menschen übereinander reden. Im Internet werden Schranken überschritten. Öffentliche Personen der AfD versuchen, solche Sprache zu legitimieren. Denken wir nur an das Wort vom ,Vogelschiss der Geschichte‘ im Zusammenhang mit dem Holocaust. Die Tatsache, dass Nationalsozialismus nie wieder passieren darf, wird infrage gestellt. Dazu kommen Politiker mit Macho-Gehabe wie Trump, Putin, Erdogan oder Orban. Empathie geht so in der Politik verloren.

Migration und kulturelle Vielfalt werden diskutiert. Woher kommen die Ängste?
Kässmann: Mich stört es, dass das Thema Migration vermeintlich das einzige Thema ist. Die Pflege, der Zustand der Schulen und die Frage, wie Menschen mit einem ganz geringen Lohn zurecht kommen, sind mindestens ebenso wichtig. Zur letztgenannten Gruppe gehören im übrigen auch die Paketzusteller, die gerade in den Wochen vor Weihnachten besonders viel zu tun hatten. Es gibt wirklich noch andere Fragen, die die Menschen sehr bewegen. So müssen wir bei der Armut mehr hinschauen. Die Proteste in Frankreich zeigen was sich entwickeln kann, wenn das ignoriert wird. Es ist dann schwierig, das wieder einzufangen.

Die Weihnachtsgeschichte ist ein Beleg dafür, dass es Migration seit Jahrtausenden gibt.
Kässmann: Die Bibel erzählt von der Migration des Volkes Israel ins Gelobte Land. Maria und Josef fliehen vor der Gewalt eines Herrschers nach Ägypten. Sie sagt: ,Die Schwachen sollst du schützen’. Deshalb schockiert mich der aktuelle Nationalismus.
Eine freiheitliche Gesellschaft zeichnet sich gerade durch ihren Umgang mit Minderheiten aus.

Wo sehen Sie da in Deutschland Defizite?
Kässmann: Ich denke, die freiheitliche Gesellschaft ist tolerant: Ich ertrage, dass es Menschen gibt, die anders sind. Es sind im übrigen nicht nur Muslime, Juden oder Schwule, denen derzeit Ignoranz und Intoleranz entgegenschlägt. In diesem Jahr wurden in Deutschland 147 Frauen von ihren Partnern ermordet. Ein Thema, das in der öffentlichen Debatte nicht stattfindet.

Was kann Kirche tun, um scheinbar entzweite Gesellschaftsschichten wieder zusammenzuführen?
Kässmann: Kirchen können viel tun, indem sie öffentlich mahnen, die Auseinandersetzung um diese Fragen gewaltfrei zu führen, auch in der Sprache. Sie leisten darüber hinaus soziale Arbeit, zum Beispiel über Tafeln oder Hospize. Und sie führen Menschen in den Gemeinden zusammen. Das tut etwa die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihrer Aktion ,Keiner bleibt allein‘.

Sie selbst haben immer Ihre Stimme für Minderheiten und Toleranz erhoben. Bleibt das auch in Ihrem Ruhestand so?
Kässmann: Ich genieße den dienstlichen Ruhestand. Aber ich schreibe aber weiter Kolumnen für die Bild am Sonntag, trete für Frauenrechte ein, arbeite an Buchprojekten und ich halte weiter Vorträge und Predigten. Ich habe ja kein Schweigegelübde abgelegt.

Ab Januar sind Sie Botschafterin von Terre des Hommes. Was werden Sie dort tun?
Kässmann: Meine Rolle wird sein, die Organisation, die viele lokale Gruppen hat, öffentlich zu stärken. Die Not der Kinder ist mir ein wichtiges Thema.

Rollen- und Statusdenken feiern offenbar eine Wiedergeburt. Wie sehen Sie dies aus Frauensicht?
Kässmann: In meiner Generation wurde in Westdeutschland eine berufstätige Mutter kritisch gesehen. Bei der Generation meiner Töchtern wurde so getan, als sei das überhaupt kein Problem: Geld verdienen, Kinder erziehen und auch noch toll aussehen. Doch die Erziehungsleistung wird noch viel zu wenig anerkannt. Schauen Sie mal, was eine Erzieherin verdient! Dass die Politik sich hier nicht stärker engagiert, kann ich nicht verstehen.

Sie mussten sich oft rechtfertigen, weil Sie als Tochter einer gelernten Krankenschwester und eines Tankstellenpächters Theologie studieren wollten. Sind wir doch nicht so modern in unserem Denken, wie lange geglaubt?
Kässmann: Ich sehe das positiv, weil die Durchlässigkeit der Gesellschaft für meine Generation sehr groß war. Heute haben wir aber das Problem, dass Herkunft und Schulabschluss wieder zusammenhängen. Vor allem der vorschulische Bereich ist wichtig für die Bildung und wird oft unterschätzt.
In der Predigt zu Ihrer Verabschiedung in den Ruhestand hieß es: Immer nur im Paradies leben, wäre auf Dauer langweilig.

Was heißt das?
Kässmann: Mose sieht auf das Gelobte Land. Heißt das: Es ist alles schön? Nein, der Mensch will auch Ziele haben. Es gibt in unserer Welt genug zu tun. Die Menschen wissen oft nicht zu schätzen, wie gut wir es hier in Deutschland haben, zum Beispiel mit einem funktionierenden Gesundheitswesen. Ich war in Bangladesch oder auch El Salvador oder Simbabwe. Dort ist das Leben unendlich viel schwerer. Wir können auch mal sagen: Ich bin dankbar, in Deutschland leben zu dürfen.

Sie sagen, der Glaube an Gott ermutige, sich gegen das Unrecht der Welt aufzubäumen. Wie kann das aussehen?
Kässmann: Ich engagiere mich für Gerechtigkeit. Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten können kleine Schritte gehen und so das Gesicht der Welt verändern, heißt es in Afrika. Etwa durch Arbeit in einer Tafel oder bei einem Besuchsdienst. Ehrenamtliche Großeltern sind etwas Tolles. Die Propheten sprechen von der Freude Gottes am Recht und an der Gerechtigkeit. Mich hat immer geärgert, wenn die Leute sagen, die Kirche soll sich nicht in die Politik einmischen. Das ist eine Einmischung in die Kirche. Sie sitzt nicht im abgeschlossenen Kämmerlein.

Die Kirche arbeitet an sich selbst. Dafür gibt es Gründe.
Kässmann: Ich finde es traurig, dass so viele Gottesdienste schlecht besucht sind. Wie schaffen wir eine Willkommenskultur, damit die Menschen Lust daran finden, dies als einen Fixpunkt der Woche zu betrachten, den sie im Leben schätzen? Wenn ich drei Wochen nicht im Gottesdienst war, fehlt mir was.

Vor 50 Jahren wurde Martin Luther King ermordet. Was können wir von ihm lernen?
Kässmann: Martin Luther King hat sich für ein Land ohne Rassismus engagiert. Wenn wir jetzt in die USA schauen, tut das schon weh. Die Unterstützung Saudi-Arabiens durch die Vereinigten Staaten ist unverantwortlich, ebenso deutsche Rüstungsexporte dorthin. Im Jemen hungern Millionen, 250.000 Menschen sind unmittelbar vom Tod bedroht. Dort wird einfach weggeschaut.

Das Weihnachtsfest ist auch Anlass, in die Zukunft zu schauen. Wie sehen Sie 2019?
Kässmann: Mir ist nicht bange. Ich bin ein Mensch, der Hoffnung hat, dass sich etwas zum Besseren verändert. Ich wünsche mir ein friedliches Zusammenleben der Nationen, die Möglichkeit, Grenzen überschreiten zu können. Und dass Menschen für ihren Lebensunterhalt genug Geld verdienen. Und natürlich viele wunderbare Gottesdienste, die Menschen begeistern.

Information

Ein Leben zwischen Usedom und Hannover


  • Margot Käßmann wurde 1958 in Marburg geboren. Sie studierte Theologie in Tübingen, Edinburg, Göttingen und Marburg.
  • 1985 wurde sie ordiniert und schloss 1989 ihre Promotion an der Ruhr-Universität Bochum ab.
  • Viele Jahre war Margot Käßmann Pfarrerin und später auch Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages.
  • Von 1999 bis 2010 war die vierfache Mutter Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers.
  • Von 2009 bis 2010 war Käßmann Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
  • Von April 2012 bis Juni 2018 war sie als Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017 tätig.
  • Seit Juli ist Margit Käßmann im Ruhestand. Ab Januar 2019 wird sie ehrenamtlich als Botschafterin für das internationale Kinderhilfswerk Terre des homme tätig sein.

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