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Ohne Menschen mit Migrationshintergrund würde das Gesundheitssystem bereits zusammenbrechen, kommentiert unser Autor. - © dpa
Ohne Menschen mit Migrationshintergrund würde das Gesundheitssystem bereits zusammenbrechen, kommentiert unser Autor. | © dpa

Kommentar Streit um Einwanderungsrecht: Deshalb ist der deutsche Pass kein Gnadenakt

Deutschland ist auf Migranten angewiesen, kommentiert unser Autor. Um gut qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen, müsse die Gesellschaft ihnen vor allem eines bieten: Respekt.

Klaus Schrotthofer
30.11.2022 | Stand 13.01.2023, 16:01 Uhr

Das Beste, das man über den CSU-Politiker Dobrindt sagen kann, ist, dass er seit 2017 nicht mehr Bundesminister ist. Leider verbreitet er seither hauptberuflich wieder mehr polemischen Unsinn. Die deutsche Staatsbürgerschaft solle „verramscht“ werden, hat er zuletzt erklärt und damit den Ton gesetzt für die Kritik der Union (und Teilen der FDP) an den Plänen zur Reform des Einwanderungsrechtes. Es ist ein durchschaubarer Versuch, ein emotionales Thema zur Mobilisierung zu finden. Und es ist eine doppelte Dummheit: Die Union schadet den Interessen Deutschlands und missachtet in unverschämter Weise den Beitrag der Migrantinnen und Migranten zum Erfolg dieses Landes.

Dabei geht es gar nicht um Fristen. Wenn Zuwanderer, die hier leben und arbeiten, den deutschen Pass künftig nach fünf statt wie bisher nach acht Jahren erhalten, gleicht Deutschland seine Regeln lediglich dem Standard der westlichen Industrienationen an. Der „Ramsch“-Vorwurf gründet tiefer. Er entlarvt eine vielerorts immer noch populäre Haltung, wonach die Verleihung der Staatsbürgerschaft eine Art Gnadenakt sei, für den vorrangig die Bewerber dankbar sein müssten.

Wer so denkt, sollte sich schnellstmöglich mit der deutschen Wirklichkeit vertraut machen. Ohne Migration könnten wir ganze Krankenhäuser schließen. Ohne Zuwanderung wäre das Pflegesystem am Ende, würden ganze Industriebranchen mangels Fachkräften an die Wand fahren, hätte die Bundeswehr ein Fünftel ihrer Soldaten weniger. Die Liste lässt sich fortsetzen, man muss gar nicht auf die Biontech-Gründer Sahin und Türeci oder auf unser neues Mittelfeld-Genie Musiala verweisen.

Migranten sind wichtiger Bestandteil der deutschen Gesellschaft

Mehr als 21 Millionen Menschen, ein Viertel aller Deutschen, haben inzwischen einen Migrationshintergrund, das heißt, sie selbst oder mindestens ein Elternteil sind als Ausländer zugewandert. Die überragende Mehrheit von ihnen trägt zur Wertschöpfung bei, bezahlt Steuern und Sozialbeiträge und wird demnächst die Renten und Pensionen einer überalterten deutschen Gesellschaft mitfinanzieren.

Allein: Das reicht nicht. Rund 400.000 Zuwanderer jährlich braucht Deutschland, um nur den gegenwärtigen Bestand an Arbeitskräften zu halten. Weil es in den anderen westlichen Demokratien nicht viel besser aussieht, muss Deutschland um die Besten werben. Wir müssen mehr bieten als gnädige Herablassung, um Menschen zu gewinnen, die unseren Lebensstandard in Zukunft mit sichern sollen: Eine klare Aufenthaltsperspektive, demokratische Mitwirkungsrechte und faire Teilhabe.

Ja, wir dürfen die Staatsbürgerschaft auch mit einer Erwartung verbinden – dem Bekenntnis zu unserer freiheitlichen Verfassung. Umgekehrt haben aber auch Zuwanderer sehr berechtigte Erwartungen, allen voran: Respekt.

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