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Ein Blutfleck auf der Straße, an der ein 55-Jähriger einen Eritreer niederschoss. - © picture alliance/dpa
Ein Blutfleck auf der Straße, an der ein 55-Jähriger einen Eritreer niederschoss. | © picture alliance/dpa

Kommentar Fremdenfeindlicher Angriff in Wächtersbach: Wo bleibt der Aufschrei?

Als Walter Lübcke von einem mutmaßlich Rechtsextremen praktisch hingerichtet wurde, war die Empörung groß. Ein Eritreer übersteht den Angriff auf sein Leben - und die Gesellschaft zuckt mit den Schultern. Warum?

Björn Vahle
25.07.2019 | Stand 26.07.2019, 13:44 Uhr

In Hessen entscheidet sich ein Mensch, ein Deutscher, auf einen anderen Menschen, einen Eritreer, zu schießen. Weil er schwarze Haut hat. Aus keinem anderen Grund. Ob er rechtsextremistische Motive hat, ist bisher Spekulation, sagen die Ermittler. Aber das ist auch nicht entscheidend. Denn offensichtlich gibt es in Deutschland bewaffnete Menschen, die keine Skrupel mehr haben, ihre Waffen gegen die zu gebrauchen, die sie als anders begreifen. Das allein ist Grund zu größtmöglicher Sorge. Mindestens genauso schwer wiegt aber die Routine, mit der Politiker und Gesellschaft auf den Vorfall reagieren. Nur einen Tag später ist das vorherrschende Thema nicht mehr ein „ganz klar fremdenfeindlicher" Angriff auf einen Flüchtling, wie es die Polizei nennt und damit Rassismus einmal mehr nicht explizit so kennzeichnet. Das Thema ist Schweinefleisch in Kitas. Von Empörung wie bei Lübcke kann keine Rede sein Die Verurteilungen der Regierenden klingen nach Floskeln. Vielleicht verbucht der eine oder andere von uns den Fall auch unter „noch mal gut gegangen", weil das Opfer überlebte und der Täter tot ist. Doch das wäre fatal! Denn so viel Abstumpfung würde bedeuten, dass die Zivilgesellschaft dem Rassismus nicht so viel entgegenzusetzen hat, wie es nötig wäre. Als Walter Lübcke von einem mutmaßlich Rechtsextremen praktisch hingerichtet wurde, weil er Jahre zuvor die Aufnahme von Flüchtlingen verteidigt hatte, hielt die Demokratie Händchen und sorgte sich mahnend um sich selbst. Ein Angriff auf uns alle, hieß es damals von vielen. Nun traf es, um in diesem Bild und Selbstverständnis zu bleiben, keinen „von uns". Und von einem Aufschrei der Zivilgesellschaft wie bei Lübcke kann überhaupt keine Rede sein. Dabei wäre er nicht weniger nötig. Das darf kein Mensch, der etwas auf die Freiheit in diesem Land gibt, auf sich sitzen lassen. Denn wenn sich ein Klima der Gewalt unwidersprochen etablieren darf, sinkt die Hemmschwelle für solche feigen, verachtenswerten Taten nur noch weiter. Und das dürfen wir, da hat mit Frank-Walter Steinmeier doch wieder ein Politiker Recht, „nie wieder unterschätzen". Kontakt zum Autor

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