In der Krise: Der Rückhalt der Schalker Fans für Trainer Domenico Tedesco bröckelt. - © Witters
In der Krise: Der Rückhalt der Schalker Fans für Trainer Domenico Tedesco bröckelt. | © Witters

Fußball Bundesliga-Kommentar: Schalke und Dortmund vor Reifeprüfung

Tristesse im Revier: Dortmund patzt in Augsburg und lädt damit die Bayern ein, in der Tabelle gleichzuziehen. Die Schalker gehen auch in Düsseldorf unter und nähern sich der Abstiegszone.

Bielefeld. Tabellenführer Borussia Dortmund macht die Tür auf und der FC Bayern marschiert mit großem Getöse hindurch. Die Münchner haben sich beim 5:1 bei Borussia Mönchengladbach nicht lange bitten lassen und sind nach Punkten gleich gezogen mit den Westfalen, die bereits am Freitagabend beim 1:2 in Augsburg den nächsten Dämpfer im Titelkampf kassiert hatten. Für Gladbach wird es nach der dritten Heimniederlage in Folge nun enger im Kampf um einen Champions-League-Platz. Leipzig, mit 1:0 in Nürnberg erfolgreich, verdrängte die Hecking-Elf bereits auf Rang vier, und Frankfurt übt nach dem Last-Minute-Sieg gegen Hoffenheim von hinten ordentlich Druck aus. Die Dortmunder Zuversicht, erstmals seit 2012 den Serienmeister FC Bayern am Saisonende hinter sich zu lassen, dürfte nach dem gänzlich geschmolzenen Tabellenvorsprung extrem gelitten haben. Zwar hat die Borussia weiterhin alle Chancen, die Schale an den Borsigplatz zu holen, doch beim Quasi-Neustart des Meisterschaftsrennen am 25. Spieltag startet der BVB gefühlt bei minus neun, der FC Bayern bei plus neun Zählern. Man fragt sich, wie es dazu kommen konnte, dass diese hochveranlagte, mit einem herausragenden Teamgeist ausgestattete Dortmunder Spaßtruppe diesen satten Vorsprung von neun Punkten tatsächlich hergeben konnte. Bei einer Zwischenbilanz von nur einem Sieg aus den vergangenen sieben Pflichtspielen lässt sich auch nicht mehr von einer Leistungsdelle sprechen, die man so jungen Spielern über eine lange Saison mit drei Wettbewerben hinweg wohl zugestehen muss. Aber selbst der gutmütige Lucien Favre hat Mühe, die beiden spielentscheidenden Aussetzer seiner Abwehrspieler Dan-Axel Zagadou und Achraf Hakimi, zu entschuldigen. "Ein Fehler kann passieren", meint der Schweizer Trainer, "aber zwei?" "Dortmund spielt gegen Außenseiter wie eine Durchschnittsmannschaft" Was sich Favre wohl verkneift, spricht BVB-Berater Matthias Sammer offen aus: "Die sind einfach unreif. Das Spiel wurde nicht sportlich, sondern im Kopf entschieden", schimpfte er bei Eurosport und unterstützt seine These mit der Bilanz von zwei Punkten in den Auswärtspartien gegen Düsseldorf, Hannover, Nürnberg und Augsburg. In Spielen gegen diese Außenseiter, verhalte sich die Borussia nicht wie ein Champion, sondern wie eine Durchschnittsmannschaft in der Bundesliga. Recht hat er. Aber noch ist es nicht zu spät für den BVB, mal Klartext zu reden und die Ursachen zu beheben. Sonst wird es nichts mit dem Kampf um die Meisterschaft gegen abgezockte Bayern. Die haben ihre Titelreife über die Jahre bewiesen und nach dem zwischenzeitlichen Anflug von Übersättigung offensichtlich neue Motivation in der Rolle des Spaßverderbers gefunden. Trainer Tedesco ist "keiner, der sich verpisst". Spaß! Auf Schalke mittlerweile ein Fremdwort. Die Fans hatten schon während der 0:4-Heimpleite gegen Aufsteiger Fortuna Düsseldorf nur noch Häme für das Team von Trainer Domenico Tedesco übrig. Der traut sich - kurioserweise - weiterhin zu, den sich fortsetzenden Niedergang aufzuhalten ("Ich bin keiner, der sich verpisst. Ich glaube an meine Arbeit, an meine Spieler"). Woraus er den Optimismus zieht, bleibt sein Geheimnis. Gut möglich, dass die Entscheidung jetzt aber nicht mehr in seinen Händen liegt. Noch ist allerdings keiner da, der ihn entlassen könnte. Der neue Sportvorstand Jochen Schneider wird erst am Dienstag vorgestellt. Schneider saß am Samstagnachmittag schon mal neben Aufsichtsratschef Clemens Tönnies auf der Tribüne. Beide werden in der auf vier Positionen veränderten Schalker Startelf im Vergleich zum 0:3 gegen Mainz vergeblich Männer gesucht haben, die - wie von Tedesco gefordert - (für den Trainer) kämpfen. Im Gegenteil: Der blutleere Auftritt der Königsblauen gegen eine spielerisch clevere Fortuna hatte mit Abstiegskampf nichts zu tun und lieferte so gar keine Argumente für den Trainer. Von der Abstiegszone trennen die Schalker jetzt noch zwei Zähler - auch wegen ausbleibender Schützenhilfe des knapp 40 Kilometer östlich beheimateten Erzrivalen. Wie schnell auch der letzte Vorsprung verspielt ist, wissen sie dort seit Samstag sehr gut. Beiden - Dortmund und Schalke - steht jetzt eine Reifeprüfung bevor.

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