Andrea Sahlmen ist NW-Redakteurin und schreibt den Allesfahrer-Blog über den SC Paderborn. - © Christian Geisler
Andrea Sahlmen ist NW-Redakteurin und schreibt den Allesfahrer-Blog über den SC Paderborn. | © Christian Geisler

Meinung Frauen im Rollstuhl haben keine Ahnung von Fußball? Eine Ansage an Fußballfans

Viele Menschen denken gerne in Schubladen und Klischees. Persönlicher Kontakt hilft dagegen

Bielefeld. Männer bringen das Geld nach Hause, haben Muskeln, trinken Bier und wollen ständig Sex. Frauen gehören an den Herd, lieben Schminke und gehen nur zu zweit aufs Klo. Jemand der Mohammed heißt ist vermutlich ein Terrorist und Aische wird mit 15 in der Türkei zwangsverheiratet. Damit hat man wohl einen Großteil der Klischees und Vorurteile bedient, die momentan so auf dem Markt sind. Wobei eins noch fehlt. Es ist das Bild einer Frau im Rollstuhl, die tagein tagaus zu Hause sitzt und vor sich hin sinniert. Ohne Arbeit, ohne Hobbys, ohne Freunde. Bedauernswert also. Und wenn es anders kommt, dann scheint das Universum mancher Menschen aus den Fugen zu geraten. Vor allem offenbar das Universum von Fußballfans. "Alle, die anders denken, sind doof. Oder haben keine Ahnung." Jetzt kommt natürlich noch der Oberkracher. Die junge Journalistin kennt sich mit Fußball aus. Nochmal zum Mitschreiben: Eine Frau, die Fußball mag und auch noch darüber schreibt. Oh. Und die dabei auch noch im Rollstuhl sitzt. Ohohoh. Das übersteigt wohl die Vorstellung von so manchem Menschen oder Fußballfan. Wenn man dann noch anderer Meinung als die Autorin ist, dann kann man mit dem Beleidigen starten. Weil das ja so im Trend ist momentan. Alle, die anders denken, sind doof. Oder haben keine Ahnung. So geschehen am Mittwoch. Nach der Bekanntgabe der Ticketpreise für das Pokalspiel zwischen dem SC Paderborn und dem Hamburger SV schrieb ich einen Kommentar über die Überheblichkeit des HSV. Immerhin müssen überteuerte Preise für ein Viertelfinale nicht sein, die gab es schließlich gegen den FC Bayern auch nicht. Bei einer sachlichen Diskussion blieb es aber leider nicht. Eine Schülerpraktikantin bin ich schon länger nicht mehr Es entwickelte sich ein wahrer Shitstorm in den Kommentaren unter dem Beitrag. Die Leute gaben ihren Senf allerdings nicht zum Sachverhalt ab, sondern stellten die Fähigkeiten einer Journalistin mit körperlicher Behinderung infrage. Als Schülerpraktikantin beschimpft zu werden, ist für mich ja mittlerweile nichts Neues mehr. Aber dass mir die redaktionellen Fähigkeiten auf Grund meiner Behinderung abgesprochen werden, hatte ich bisher noch nicht. Wahrscheinlich denken Leute, die so einen Blödsinn schreiben auch, dass die NW ihre Mitarbeiter aus Mitleid einstellt. Oder um die für Unternehmen vorgeschriebene Behindertenquote zu erfüllen. Denen kann ich entgegnen: Stimmt beides nicht! Die Quote war schon vor meiner Einstellung erfüllt. Sorry, da habe ich wohl wieder ein Vorurteil widerlegt und eine Weltanschauung zerstört. Persönlicher Kontakt hilft gegen Vorurteile Generell nerven mich solche Klischees gegenüber Menschen mit Behinderung. So fragte mich ein Rollstuhltechniker einst im Dezember, wofür ich denn eine neue Lampe an meinem Rolli bräuchte: "Du fährst doch nicht im Dunkeln raus, oder?" Nein, ich fahre nur nach der Arbeit um 18 Uhr nach Hause. An dem Tag hatte ich extra für die Reparatur frei genommen. Aber das ist ein anderes Thema. Was gegen Vorurteile hilft: Ich empfehle nichts von Ratiopharm, sondern persönlichen Kontakt. Nur wer mit "anderen" Menschen in Kontakt kommt, wird merken, dass sie gar nicht so "anders" sind. Es können reihenweise Klischees abgebaut werden und man wird nicht mehr so schnell erschüttert. Kinder lernen übrigens bereits im Buch "Conni kommt in den Kindergarten", dass Rollstuhlfahrer "normal" sind und sich durchaus als Freunde eignen. Und bevor jetzt noch jemand auf die Idee kommt und diesen Artikel als "Rumnörgeln" bezeichnet: Falsch! Ich nenne es richtig stellen, denn ich möchte mit diesem Vorurteil aufräumen. Es muss niemand meiner Meinung sein, aber ich möchte als Journalistin und Frau im Rollstuhl ernst genommen und nicht beleidigt werden. Diskutieren wir doch in Zukunft wieder auf sportlicher Ebene und nicht auf persönlicher. Einverstanden?

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