Ein ganz normaler Einsatz für Rettungskräfte an Silvester: Jedes Jahr entstehen unzählige Balkonbrände durch Silvesterraketen - wie auch hier 2016 in Berlin. - © picture alliance / dpa Themendienst (Archiv)
Ein ganz normaler Einsatz für Rettungskräfte an Silvester: Jedes Jahr entstehen unzählige Balkonbrände durch Silvesterraketen - wie auch hier 2016 in Berlin. | © picture alliance / dpa Themendienst (Archiv)

Meinung Silvesterbrände: Es gibt keinen einzigen Grund, noch am Böllern festzuhalten

In jeder Silvesternacht muss die Feuerwehr deutschlandweit zu tausenden Bränden ausrücken. Dahinter stecken tausende Einzelschicksale. Wir müssen über das Brauchtum "Böllern" hinwegkommen - zur Not erst mal mit einem Kompromiss.

Bielefeld. Julia Klöckner will kein Böllerverbot. Das hat die CDU-Vize und Verbraucherschutzministerin in einem Interview deutlich gemacht. Dass es immer wieder "Deppen" gebe, "die ihre Mitmenschen in Gefahr bringen, kommt leider auch in anderen Bereichen des Alltags vor", meint Klöckner. "Es dürfen nicht die wenigen unvernünftigen Feuerwerker das Leben derer bestimmen, die sich ordentlich verhalten." Die bestehenden Regeln für Silvesterfeuerwerk reichten demnach aus. Wie gut diese Regeln ausreichen, zeigt sich schon in den ersten 15 Minuten des neuen Jahres in Rheda-Wiedenbrück. Eine Silvesterrakete verirrt sich kurz nach Mitternacht in den sechsten Stock eines Hochhauses, durchschlägt eine Scheibe und setzt umgehend die Küche einer Familie in Brand. Wenige Minuten später steht die Wohnung in Flammen. Die Familie - darunter ein wenige Wochen altes Baby - muss verletzt ins Krankenhaus. Hinter jedem Brand steht ein Einzelschicksal Auch in anderen Städten der Region brennen wieder Häuser. Allein in Bielefeld muss die Feuerwehr in der Silvesternacht 29 mal zu Bränden ausrücken - und spricht zugleich von einem "durchschnittlich bis eher ruhigen Jahreswechsel". Diese überaus trockene Bilanz der Feuerwehr zeigt, wie sehr die Ausnahmesituation Silvester für die Einsatzkräfte zur Routine geworden ist - und wie sehr wir uns an die alljährlichen Dramen gewöhnt haben. Die Silvesternacht gehört seit jeher zu den arbeitsreichsten Einsatztagen der Feuerwehren. Doch über Zahlen und Polizeimeldungen liest man gern hinweg. Knallen soll es schließlich. Je lauter desto besser. Dass hinter unzähligen Bränden auch unzählige Einzelschicksale stecken, wird gerne vergessen. Jedes Jahr brennen in Deutschland ganze Wohnungen, Häuser, Gaststätten oder Betriebe von Unbeteiligten aus. Jedes Jahr verlieren Menschen ihr Hab und Gut, nur weil man nicht auf das Brauchtum "laut Knallen und bunt" verzichten will. Ausbeutung, panische Tiere, Feinstaubalarm Blickt man über den Tellerrand hinaus, ist die Bilanz der Böllerei sogar noch dramatischer: In Feuerwerksfabriken starben in den vergangenen Jahren unzählige Menschen bei Explosionen. In diesem Jahr waren das 24 in einer mexikanischen Fabrik, 2017 wurden fast 50 Menschen nahe Jakarta getötet, 2016 mehr als 30 in Mexiko. Ausbeuterische Produktionsstätten in Indien und China sind Hauptlieferanten für das Silvesterfeuerwerk - sie decken etwa 97 Prozent des Weltmarktes ab. Für Tiere ist die Silvesternacht der Horror. Und das gilt nicht nur (wird ja gern vergessen) für den Hund Zuhause - sondern auch für Wildtiere. Gleichzeitig werden in Deutschland 4.500 Tonnen Feinstaub in die Luft gejagt. Diese Menge entspricht in etwa 15,5 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge. Kurzum: Die Silvester-Böllerei ist nicht nur lebensgefährlich, sondern hat auch unfassbares Leid zur Folge. Sei es in Produktionsfirmen am anderen Ende der Welt, in der Natur oder ganz unmittelbar vor der Haustür. Wir müssen darüber hinwegkommen Nach der Logik von Julia Klöckner sind für diese Dramen nur vereinzelte "Deppen" verantwortlich, die man daran auch nicht hindern müsse, weil ja schließlich auch Menschen bei Autounfällen sterben. Aussagen wie diese müssen für die vielen Opfer dieses "Brauchtums" wie blanker Hohn klingen. Es gibt keinen einzigen Grund, noch am Böllern festzuhalten. Der einzige vermeintliche "Nutzwert" ist, dass sich ein paar "Deppen" über lautes Geknalle freuen können. Und darüber müssen wir hinweg kommen. Aber ja: Manch einem treibt eine mögliche "Verbotskultur" die Sorgenfalten auf die Stirn. Zum Beispiel auch dem CDU-Politiker Nico Lange. Er postete kurz nach Weihnachten einen viel beachteten Protest-Tweet, in dem er noch mal klar seine Prinzipien auflistete: Ich fahre Auto. Ich esse Fleisch. Ich mag Silvesterfeuerwerk.#nurmalso — Nico Lange (@nicolangecdu) 27. Dezember 2018 Ein Feuerwehrmann antwortete dem Politiker direkt darunter: Gott bin ich dankbar, dass ich Silvester wieder Balkone löschen und zerfetzte Hände einsammeln darf, was wär das Leben ohne ein bisschen verantwortungslosen Nervenkitzel, freu mich schon eure Freiheit wieder gerade ziehen zu dürfen — Volker Racho (@DerVolkerRacho) 27. Dezember 2018 Überlassen wir das Böllern den Profis Wie man mit dem Problem ganz praktisch umgehen könnte, zeigt Schweden: Hier durften die Bewohner an diesem Jahreswechsel ein letztes Mal Raketen in den Himmel jagen. Ab sofort ist das Abschießen nur noch Profis mit Berechtigungsschein vorbehalten. Silvesterböller an sich sind schon deutlich länger verboten. Eine Regelung wie diese wäre auch für Deutschland ein Anfang - und eine Art Kompromiss: Überlassen wir das Feuerwerk doch den Profis. Und über eine Abschaffung können wir dann später noch mal reden - wenn Julia Klöckner und Nico Lange soweit sind. Kontakt zum Autor

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