Kinder: Am besten still und ruhig. Zumindest in Deutschland. - © picture-alliance
Kinder: Am besten still und ruhig. Zumindest in Deutschland. | © picture-alliance

Meinung Kinder aus Restaurants aussperren: Warum sind wir so?

Die deutsche Gesellschaft scheint verlernt zu haben, Kinder zu akzeptieren

Björn Vahle

Ein Restaurant auf Rügen hat beschlossen, dass Kinder zur Abendessenszeit nicht mehr rein dürfen. Das darf es so entscheiden. Eltern können wahrscheinlich besser als die meisten verstehen, warum das "Oma's Küche & Quartier" zu dieser drastischen Maßnahme greift. Ganz klar: Kinder können nerven. Auf eine Art und mit einem Durchhaltevermögen, dass es einem die Schuhe auszieht. Und trotzdem entlarvt die Entscheidung des Restaurants, wie merkwürdig wir in Deutschland mit Kindern umgehen. Da positioniert sich auch das Restaurant eindeutig, wenn es auf seiner Webseite fordert, die Kinder mögen doch gefälligst "artig mit ihrem Arsch am Tisch sitzen bleiben, nicht alles angrabbeln und weder andere Gäste noch Kellner nerven". Dass es nur die beiden Extreme "elternfreundlich" und "kinderfeindlich" zu geben scheint, zeigt, wie eingeschränkt wir über unsere Kinder denken. Genau hier liegt das Problem: bei uns allen, der Gesellschaft. Der deutschen im Besonderen. Für uns scheinen Kinder irgendwie nicht dazuzugehören. Wir nehmen fremde Kinder nicht auf den Schoß, wenn sie im Restaurant unsere Aufmerksamkeit suchen. Wir schämen uns an ihnen vorbei, wenn sie in der Fußgängerzone hinfallen. "Keiner ruft mir zu: Kümmern Sie sich mal" Dafür herrschen wir aber pflichtbewusst sie oder ihre Eltern in der Bibliothek an, wenn die Kleinen mal etwas lauter sprechen. Natürlich müssen Kinder Regeln lernen, aber soll das funktionieren, indem wir sie ausschließen? Nur mit Verboten, mit entweder, oder? Warum sind wir so? Eine Autorin, die mit ihrer Tochter zu gleichen Teilen in Deutschland und Israel lebt, hat das Phänomen einmal für "Die Zeit" beschrieben. "Sobald der Flieger (nach Israel, Anmerkung d. Red.) in der Luft ist, muss ich mich um Etta nicht mehr kümmern. Sie wird beschäftigt. [...] Keiner ruft mir zu "Kümmern Sie sich mal um ihr Kind, das läuft den Gang hoch und runter und belästigt die anderen Passagiere!" Und in Deutschland? "In den Tagen nach Tel Aviv verfällt Etta immer in eine Minidepression und ich mit ihr, weil alle wie Roboter an ihr und uns vorbeilaufen. Sie lächelt und winkt am Anfang immer noch um die Wette, aber weil niemand auf sie reagiert, gibt sie nach ein paar Tagen auf." Wir haben uns entschieden: Kinder stören Ja, Kinder machen Geräusche, sie sind Menschen. Sie sind auch mal im Weg und machen nicht das, was man ihnen sagt. Sie nerven. Sie sind eben Kinder, das gehört dazu. Und das weiß auch jeder. Aber wir haben uns entschieden, das als störend zu empfinden. Offensichtlich können Kinder gar nicht schnell genug erwachsen (oder auf Rügen: über 14) sein, damit sie uns endlich nicht mehr ständig auffallen, weil sie Dinge tun, die uns die Gesellschaft längst abgewöhnt hat. Es wäre zu wünschen, dass sie sich ändert, diese Gesellschaft. Also, das wir uns ändern. Denn sonst sperren die Kinder vielleicht irgendwann uns aus, und Politik und Gesellschaft erreichen sie noch weniger, als ohnehin schon. Hoffen wir, dass wir erwachsener sind, als so dumm zu sein.

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