Häufiges Bild: Heranwachsende, die noch keine Kinder haben, ziehen am Vatertag mit einem Bollerwagen und Alkohol umher. - © picture alliance / dpa
Häufiges Bild: Heranwachsende, die noch keine Kinder haben, ziehen am Vatertag mit einem Bollerwagen und Alkohol umher. | © picture alliance / dpa

Meinung Streitgespräch: Warum wir den Vatertag hassen - und lieben

Nicht die Feierlaune, sondern all die negativen Nebenerscheinungen sind störend

Ingo Kalischek
Julia Gesemann

Sie ziehen wieder durch OWL. Die Männer mit dem Bollerwagen, mit der Musikanlage und mindestens einer Kiste Bier. Es ist Vatertag! Ganz furchtbar findet das unsere Autorin Julia Gesemann. Für sie ist der Vatertag in dieser Form eine Schande. Ingo Kalischek hingegen kann den Ärger nicht nachvollziehen. Ein Streitgespräch. Julia Gesemann: "Der Vatertag ist eine Schande" Das, was an Christi Himmelfahrt passiert, ist eine Schande. Erwachsene Männer und vor allem Heranwachsende, die noch gar nicht Vater sind, besaufen sich hemmungslos, ziehen im Vollrausch durch die Gegend und belästigen ihre Mitmenschen. Feiern wollen sie auf diesem Wege ihre Vaterschaft - und nicht den Feiertag Christi Himmelfahrt. Mit im Gepäck haben sie: Einkaufs- oder Bollerwagen, gefüllt mit Alkohol in Eimern, Flaschen und Fässern. Und Frauen und Mädels, die angetrunken - bei schönem Wetter in möglichst knappen Shorts gekleidet - hinter dem Gefährt hertorkeln. Letztere haben mit dem VATERtag so wenig zu tun wie der Osterhase mit dem Christkind. Und noch etwas darf bei den Party-Gefährten auf keinen Fall fehlen: Die Musikanlage, die dafür sorgt, dass die laut wummernden Bässe noch drei Straßen weiter zu hören sind. Zugegeben, damit kann ich noch leben. Was mich aber wirklich stört, sind all diese negativen Nebenerscheinungen, wie sie jedes Jahr wieder beispielsweise im Bünder Bruch rund um den Else-Radweg oder am Hücker Moor zu erleben sind: Wildpinkeln und Erbrechen im Vorgarten oder auf dem Feld (die Besitzer freut's), abgetretene Spiegel bei geparkten Autos, verschreckte Pferde und Kühe auf den Wiesen, Scherben auf Geh- und Radwegen, Müll auf den Feldern und Grundstücken. Steigt der Alkoholpegel, steigt auch die Bereitschaft zur Aggressivität und zur Brutalität. Großeinsätze der Polizei sind erforderlich, damit die Beamten an neuralgischen Punkten wie dem Hücker Moor im Kreis Herford für Ordnung sorgen können. 600 Feierwütige versammelten sich dort im vergangenen Jahr, 2015 waren es rund 1.000. Nicht immer verlief alles friedlich. Muss das alles sein? Dass die eigentliche Bedeutung dieses Feiertages - die Rückkehr des Gottessohnes zu seinem Vater - nur noch gläubige Christen bewegt, ist eine andere Sache. Ob man diesen Tag jetzt mit einem Gottesdienst feiert oder mit einem Bollerwagen umherzieht, ist letztlich jedem selbst überlassen. Nicht jeder Mensch ist ein gläubiger Christ. Darum soll jeder diesen Feiertag und die damit verbundene Freizeit so verbringen, wie er es möchte. Und meinetwegen sollen Väter (!) gemeinsam mit ihren Freunden eine schöne Zeit und Spaß haben. Aber muss der Vatertag vor allem für junge Menschen in einem sinnlosen Komasaufen enden? Unterstützt von den Supermärkten mit entsprechender Alkohol-Werbung für hochprozentige Sonderangebote? Verbunden mit primitivem Verhalten und zunehmender Aggressivität der Bollerwagenschieber? Das hat nichts mehr mit Brauchtum oder ausgelassener Freude zu tun - und schon gar nichts mit einem angeblichen Ehrentag für Väter. In dieser Form braucht kein Mensch den Vatertag. Kontakt zur Autorin Lesen Sie die Meinung unseres Autors Ingo Kalischek auf der nächsten Seite.   Ingo Kalischek: "Vatertag ist nicht nur Saufgelage" Der Vatertag ist bloß zum Saufen da? Falsch. Der Tag gehört den Freunden - und hat einen tieferen Sinn. Den will bloß kaum jemand wahrnehmen. Denn die allgemeine Aufmerksamkeit an diesem Tag gilt vordergründig den pubertären Alkoholleichen. Doch still im Hintergrund trifft sich eine friedliche Mehrheit, um einmal im Jahr frühere Weggefährten wiederzusehen und Freundschaften zu erhalten. Sie schnüren die Wanderschuhe, reflektieren über das Leben, lachen über Anekdoten und lassen einmal alles ruhen: Am Vatertag kommen alte Freunde zusammen - manchmal aus gemeinsamen Kindergartenzeiten. Nicht selten ist es ihre einzige Begegnung im Jahr. Die ist dafür umso herzlicher und intensiver. Und dafür bedarf es keiner Bollerwagen, keiner dröhnenden Musikanlagen und keiner Schnapsbar auf Rädern. Die Wochenenden, Weihnachten und Ostern gehören der Familie, die Wochentage dem Arbeitgeber und der Vatertag gehört den Freunden. Im besten Fall entwickelt sich das Wiedersehen alter Bekannter zu einem jährlichen Ritual. Auf diesen einen Tag freuen sich Männer deshalb schon Wochen im Voraus - und denken dabei nicht bloß an Schnapsflaschen und Wettsaufen. Fakt ist: Längst nicht alle Männer besaufen sich am Vatertag bis zur Bewusstlosigkeit. Von ihnen spricht bloß niemand. Das ist wie beim Fußball: Einige Chaoten tanzen aus der Reihe, benehmen sich daneben und ziehen den Ruf aller in Mitleidenschaft. Und das ist schade, weil es die Wirklichkeit verzerrt. Denn diese Gruppe steht nach wie vor nur für einen kleinen Teil. Auch, wer dem Vatertag mit kirchlichen Argumenten die Existenzberechtigung absprechen will, misst mit zweierlei Maß. Klar: Die eigentliche kirchliche Bedeutung dieses Tages ist längst zu einer Randerscheinung verkommen. Welcher Mann feiert an diesem Tag - Christi Himmelfahrt - wirklich noch das "Auffahren" von Jesus Christus in den Himmel? Wenn, dann sind das vor allem unsere Väter und Großväter – in Gottesdiensten und bei Prozessionen. Für junge Männer hat der Tag hingegen kaum noch eine kirchliche Bedeutung. Auch das ist traurig – aber leider keine Ausnahme. Und auch nicht neu. Kritiker müssten dann auch Weihnachten, Karfreitag, Ostern oder Pfingsten als Feiertage in Frage stellen. Auch an diesen Tagen steht der eigentliche Sinn – die kirchliche Tradition – längst nicht mehr bei allen Menschen ganz oben auf der Agenda. Was am Vatertag aber nach wie vor dazu gehört: Den Vätern "Danke" zu sagen. Und die geben sich mit einer Packung Erdnüsse, einem Getränk oder einer Bratwurst in der Regel auch schnell zufrieden. Kontakt zum Autor

realisiert durch evolver group