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Das Ölgemälde "Jahrmarkt am Kesselbrink" von 1912 gehört zu den herausragenden Werken des Kanada-Konvoluts. - © Sammlung Bunte
Das Ölgemälde "Jahrmarkt am Kesselbrink" von 1912 gehört zu den herausragenden Werken des Kanada-Konvoluts. | © Sammlung Bunte

Bielefeld Gemälde des Bielefelder Malers Stenner in Kanada aufgetaucht

Auf dem Weg der Bilder zurück nach Ostwestfalen gab es einige Hindernisse.

Heike Krüger
23.05.2020 | Stand 23.05.2020, 00:09 Uhr

Bielefeld. Vom beeindruckenden Lebenswerk des Bielefelder Malers Hermann Stenner (1891-1914) sind bereits viele Exponate in dessen Heimatstadt zu sehen gewesen. Eine Lücke im Bestand kann der Stenner-Sammler Hermann-Josef Bunte jetzt mit dem Erwerb von 34 Gemälden und Zeichnungen aus dem Besitz von Stenner-Nachfahren in Kanada schließen. Ab sofort und bis zum 26. Juli sind sie im Historischen Museum in Bielefeld zu betrachten. Sie fügen sich nahtlos ein in den Ausstellungs-Dreiklang „Bielefelder Blicke".

Neben Stenner sind im Museum zurzeit Fotografien von Bielefelder Bauwerken zu sehen, die in den letzten 30 Jahre errichtet wurden. Es sind Beispiele aus dem jüngst erschienenen Band „Bielefelder Baukultur" (hrsg. von Andreas Beaugrand und Florian Böllhoff, 29,90 Euro). Weitere Fotografien sind als Außeninstallationen im Rochdale-Park vor der Ravensberger Spinnerei in Szene gesetzt.

Werke restauriert und neu gerahmt

Mit der Ausstellungstrias will das Historische Museum seinen Betrieb nach dem Corona-Lockdown neu beleben. Zugleich, so Museumsleiter Wilhelm Stratmann, wolle man die Kunst Stenners und die Architektur-Beispiele „unter ein Dach bringen". Beide – auf ihre Weise – dokumentierten den baulichen Wandel in der Stadt.

Ende 2019 fanden die Kanada-Werke Stenners „nach einigen Hindernissen", so Kunstsammler Bunte, den Weg nach Ostwestfalen. Hier wurden sie restauriert und neu gerahmt. Bereits 2014 hatte Bunte von den Werken in Kanada erfahren und Kontakt zu den Nachfahren des 1932 dorthin ausgewanderten jüngeren Stenner-Bruders Walter aufgenommen. Die Bilder seien teils in schlechtem Zustand gewesen. Man habe sich geeinigt, sie in die Geburtsstadt des Künstlers zurückzubringen. Allerdings wurde das Projekt aus zollrechtlichen Gründen verzögert.

Künstlerische Entwicklung im Zeitraffer

Aber auch, weil vermeintlich eines der Bilder im Lost-Arts-Register für von den Nazis beschlagnahmte und verschollene Werke eingetragen sei. Prüfungen des Werks „Ziegelei" folgten, bis sich herausstellte, dass es sich bei der Kanada-Version der Ziegelei nicht um das gesuchte Werk handelt.

Im Historischen Museum haben nun die 34 Exponate einen eigenen Raum erhalten. „Coronabedingt muss die feierliche Eröffnung ausfallen", bedauert Stratmann. Dies schmälert aber nicht die Bedeutung der neu erworbenen Werke in Bezug auf Stenners Œuvre: Wie im Zeitraffer betrachtet, bildeten sie die künstlerische Entwicklung des im Ersten Weltkrieg an der Ostfront gefallenen 23-Jährigen und seine ungeheure Produktivität ab, so Kurator Gerhard Renda vom Historischen Museum.

Rund 300 Gemälde sowie 1.500 Aquarelle, Zeichnungen und druckgrafische Arbeiten hatte der talentierte Repräsentant der klassischen Moderne aus Bielefeld in nur wenigen Jahren geschaffen. In rasanter Folge entstanden Werke, die stilistisch vom Spätimpressionismus über einen individuell geprägten Expressionismus führten und schließlich bis zur beginnenden Abstraktion der letzten Bilder führte.

Selbstbildnis in Paris

Einige dieser Entwicklungsschritte sind an den 34 Kanada-Werken abzulesen. Da ist die akribisch-realistische Betrachtung des Bielefelder Ortsteils Kirchdornberg im Ölgemälde „Vaters Jagdgebiet" von 1905 neben der Reduktion und leuchtenden Farbigkeit vom „Jahrmarkt am Kesselbrink" von 1912.

Einen großen Schritt zur Abstraktion vollzieht der Maler schließlich in der Kohlezeichnung „Figur vor Bergen" aus seinem vorletzten Schaffensjahr 1913. Ist der „Jahrmarkt" mit der schemenhaft dargestellten Synagoge im Hintergrund auch stadtgeschichtlich bedeutsam, verweist das 1912 in Paris entstandene Selbstbildnis auf die Pariser Jahre des Künstlers und dessen Blick über den heimischen Tellerrand.

Zeichnungen mit weiteren Bielefelder Motiven sind Beispiele für die spätere Aneignung kubistischer Formen, die Stenners beeindruckende Sensibilität für die künstlerischen Strömungen seiner Zeit dokumentieren. Die Schau ist eine sehenswerte Wiederentdeckung des Künstlers und spannende Ergänzung der Präsentationen im Kunstforum Hermann Stenner.

Information

Termine
Die Schau „Hermann Stenner – in Kanada wiederentdeckt" läuft bis 26. Juli. Geöffnet ist das Historische Museum Di.-Fr. 10 bis 17 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Führungen können zurzeit nicht stattfinden. Hier geht es zu Online-Angeboten.

Links zum Thema
Schwerer Rückschlag für das Kunstforum Hermann Stenner





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