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Kultur Eindringlich gezeichnete Erinnerungen

Neuerscheinung: Markus Freise und Christian Hardinghaus legen mit „Großväterland“ eine Graphic Novel vor, in der Zeitzeugen vom Zweiten Weltkrieg erzählen. Entstanden ist ein Geschichtsbuch der anderen Art

Stefan Brams
24.12.2016 | Stand 23.12.2016, 16:11 Uhr

Bielefeld. 65 Millionen Tote hat der von den Nazis angezettelte Zweite Weltkrieg gefordert. Eine ungeheure Zahl. Eine schwer vorstellbare Zahl. Otto, Rolf, Wigand, Hans-Werner, Paul, Fritz und Ernst haben den Krieg überlebt – als Soldaten. Martha war bei der Reichsbahn. Wie die Sieben den Krieg an unterschiedlichen Fronten und Orten erlebt haben, das erzählen sie in dem Band „Großväterland“, den der Bielefelder Zeichner Markus Freise und der Osnabrücker Historiker Christian Hardinghaus jetzt veröffentlicht haben. Ein ungewöhnliches Erinnerungsbuch ist aus der Zusammenarbeit der beiden Autoren entstanden, denn sie haben sich zum einen getraut, die Zeitzeugenerlebnisse der Tätergeneration zu erzählen und dies zudem noch in Form einer Graphic Novel zu tun. Freise sagt dazu im Gespräch mit der NW: „Uns war das Risiko schon bewusst, Zeitzeugen ihre persönlichen Erlebnisse erzählen zu lassen, aber wir wollten darstellen, wie unsere Großeltern damals gedacht und gefühlt haben.“ "All das Grauen ist noch äußerst nahbar geblieben" Ihm sei trotz allen historischen Wissens um den Zweiten Weltkrieg und die Nazizeit diese persönliche Erinnerungsdimension seiner Großeltern immer „fremd und verborgen geblieben“, beschreibt Freise die Motivation, das Buch zu machen. Und so betont er in seinem Vorwort: „Dieses Buch ist der Versuch, die Stille zu brechen, in der unsere Großeltern allzu oft ihr restliches Leben verbringen mussten.“ Durch Aufrufe in den Medien fanden Freise und Hardinghaus genügend Zeitzeugen für ihr Projekt, das durch eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne finanziert wurde. Mit mehr als ein Dutzend von ihnen führte der Historiker Gespräche, darunter sein eigener Großvater, der 100-jährige Otto, dessen Geschichte den Band eröffnet. Über die Gespräche schreibt Hardinghaus in seiner Einleitung: „Nach den Interviews hatte ich eines ganz sicher begriffen: All jene, die überlebt haben, taten das nur durch immenses Glück oder schicksalhafte Fügung.“ Und weiter notiert er: „Jede Geschichte ist persönlich, emotional und authentisch. In den Augen der Zeitzeugen erkannte ich, dass all das Grauen noch äußerst nahbar geblieben ist.“ Eben das ist in der Graphic Novel zu spüren, denn Markus Freise hat die Geschichten, die Hardinghaus aufgezeichnet hat, in sehr klaren, einfachen Zeichnungen bildlich so umgesetzt, dass sie den Leser spüren lassen, was diese Menschen erlebt haben. Blitzlichter seien es lediglich, die er aus den ausführlichen Gesprächen in Szene habe setzen können, sagt Freise. Blitzlichter allerdings, die sich stark einbrennen im Auge des Betrachters. Otto erzählt vom Kriegsbeginn, Rolf von seiner Zeit als Flakhelfer, Wigand von Stalingrad, Hans-Werner von seinen Zeiten als Pilot eines Kampfgeschwaders, Paul von der Invasion in der Normandie, Fritz von der Schlacht im Hürtgenwald und dem Krieg an der Ostfront, Martha schildert ihre Erlebnisse im Bombenkrieg und Ernst vom Kriegsende in Berlin. Ein Kaleidoskop dieses gewaltigen Mordens und Schlachtens. Doch Freises Zeichnungen sind nicht vordergründig drastisch auch nicht wenn Blut fließt. Es sind eher die Gesichter, die beeindrucken und das ganz besonders in den nicht colorierten Bleistiftzeichnungen, die diese Menschen und das was sie fürs Leben gezeichnet hat, sehr nahe an uns Heutige heranbringen. Bewusst haben die Autoren nur die Vornamen der Zeitzeugen genannt. „Wir wollten auch dadurch deutlich machen, dass es ihre sehr persönlichen Geschichten sind, die wir erzählen“, betont Freise. Dass subjektiv Erlebtes, dass Erinnerungen nicht immer mit den historischen Fakten einhergehen, war den beiden Autoren bewusst. „Es war uns klar, dass wir die individuellen Erlebnisse unserer Protagonisten nur darstellen können, wenn wir sie im historischen Kontext kontrollieren und einordnen“, betonen sie. So schließen sich an jedes gezeichnete Erinnerungskapitel von Hardinghaus erarbeitete, kompakte Begleitettexte an, „die sich auf wissenschaftlich gesicherte Fakten stützen“ (Hardinghaus). Genau darin liegt die Stärke dieses Erinnerungsbuches: Es gibt dem individuell Erlebten Raum, lässt den Leser damit aber nicht allein, sondern ordnet das Erinnerte historisch ein. Entstanden ist dadurch ein Geschichtsbuch der besonderen Art – geeignet auch, um jüngere Zeitgenossen an diese Zeit heranzuführen. Markus Freise, Christian Hardinghaus: Großväterland. 84 S., Panini Comics, Stuttgart 2016,16,99 Euro.

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