0
Enorme Komik: Stefan Imholz (l.) mit Henriette Nagel in einer Szene von Alan Ayckbourns „Rondo" in Bielefeld. - © Philipp Ottendoerfer
Enorme Komik: Stefan Imholz (l.) mit Henriette Nagel in einer Szene von Alan Ayckbourns „Rondo" in Bielefeld. | © Philipp Ottendoerfer

Kultur Deutschsprachige Erstaufführung von Alan Ayckbourns Stück-Collage „Rondo“

Unordnung und Struktur: Raffinierter Zufallsreigen am Theater Bielefeld

Antje Doßmann
07.11.2016 | Stand 07.11.2016, 22:46 Uhr

Bielefeld. Dieser von Christian Schlüter inszenierte Theaterabend (Dramaturgie: Viktoria Göke) hätte als beklemmend-schriller Psychothriller beginnen und als locker-leichte Screwball-Komödie enden können. Stattdessen war es umgekehrt. Purer Zufall. Gut möglich, dass das Publikum bei einer der nächsten „Rondo"-Vorstellungen im Bielefelder Theater am Alten Markt genau diese erstgenannte Variante zu sehen bekommt. Und dann mit einer ganz anderen Gestimmtheit aus dem Stück, in dem es spielerisch um Wahrheit und Wahrnehmung, Erinnerung und Erkenntnis ging, hinausgehen wird als die Zuschauer der Premiere. Obwohl es in der Summe nichts anderes gesehen hat als diese. Fünf Kurzstücke aus der Feder des britischen Theaterautors Alan Ayckbourn, nur eben anders gereiht. 120 Optionen gibt es bei diesem originellen Bühnenkunst-Experiment, und streng genommen wären Fazit und kritische Würdigung erst möglich nach der Wahrnehmung sämtlicher Vorführungen. Da aber ein derartiges, selbst Wagnersche Dimensionen sprengendes Theatererleben schlicht nicht möglich ist, muss die Momentaufnahme reichen für diesen wahrlich raffiniert komponierten Reigen. Die deutsche Erstaufführung des Stücks in Bielefeld begann komisch, heiter und chaotisch, weil es die Auslosung der Szenenfolge durch das Publikum so wollte. Auftraten im ersten Kurzstück die zwielichtige Theateragentin Gale Devonne, der rüde Geldeintreiber Lance und der schmächtige Nachbar Ashley Bücking. Mächtiges Tamtam auf der von Anke Grot gestalteten Bühne, großes Geschrei und wildes Geraufe, aber auch viel Raum für leise, komische Zwischentöne, witzige Wortwechsel und überraschende Volten. Und dazu Schauspieler, die sofort Lust machten, sich auf den ganzen Theaterspaß einzulassen. Cédric Cavatore, der den im Grunde mehr schwachen als schlechten Kleinkriminellen Lance angemessen unterkomplex spielte. Lara Maria Hänsel, die abwechselnd schnappatmete und koloraturredete und die man unwillkürlich gern haben musste, so tief sie auch offenkundig aus eigenem Verschulden in der Tinte saß. Antiheld der allerliebsten Sorte Schließlich Stefan Imholz, der mit Fahrradhelm auf dem Kopf und Apothekentüte in der Hand einen Antihelden der allerliebsten Sorte darstellte. In einem späteren Kurzstück und in einer anderen Rolle war er ein ekelhafter Politiker, was er genauso gut konnte. Was für ein Schauspieler. Auch seine Kollegen überzeugten in den fünf in sich abgeschlossenen, jedoch lose aufeinander bezogenen „Rondo"-Sequenzen. Jakob Walser, als idealistischer Pfarrer fassungslos die Hände ringend über die gelegentliche Schlechtigkeit des Lebens, auch des eigenen. Und Thomas Wolff, Richter ohne Robe diesmal, hoffärtig und am Ende seines Lateins, kaltschnäuzig und kleinlaut zugleich, der den fortschreitenden Verlust seiner frühen Erinnerungen zum Anlass nehmen musste, seine Ehe zu bilanzieren, die kein Fest war. Weder für ihn noch für seine alkoholkranke Frau. Isabell Giebeler in der Rolle des Callgirls Lindy Kuze erinnerte ihn daran. Und wie sie ihre seelische Abneigung gegen die Vorstellung des vergesslichen Richters verstorbene Gattin mimen zu müssen, in ein körperliches Unbehagen umwandelte, war großartig. In dem abscheulichen Goldkleid (Kostüme: Franziska Gebhardt), das sie tragen musste und kaum am Leib aushielt, wäre jede Frau Alkoholikerin geworden, signalisierte sie mit verzweifelt komischer Überdeutlichkeit. Schließlich Henriette Nagel und Nicole Lippold, die im vorletzten Kurzstück des Abends, das enorme Komik aus einem einfachen Missverständnis bezog, die beiden von ihnen verkörperten Frauenfiguren kunstvoll aufeinander stoßen ließen. Henriette Nagel als Jungschauspielerin auf dem Weg nach oben eine Stierin mit geblähten Nüstern, und Nicole Lippold als Vorzimmerdame erst graue Maus, dann flatterndes Huhn. Einmal mehr geprimt auf den Typus sublimierte Erzevangelin. Allerdings mit Leiche im Keller bzw. in der Badewanne. Aber das erfuhr man erst ganz zum Schluss. Zumindest an diesem Abend. Er hatte unterhaltsame Klasse. Weitere Vorstellungen: 21. 11.; 7., 10., 17., 25., 26. 12. im Theater am Alten Markt, Bielefeld

realisiert durch evolver group