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Urgewaltiges Schlachtfeld: Das Quorum Ballet mit dem Stück „The Elements“ im Tor 6 Theaterhaus. FOTO: Andreas Frücht - © ANDREAS_FRUECHT
Urgewaltiges Schlachtfeld: Das Quorum Ballet mit dem Stück „The Elements“ im Tor 6 Theaterhaus. FOTO: Andreas Frücht | © ANDREAS_FRUECHT

Kultur Tanzfestival: Auf den Spuren der Menschheit

Quorum Ballet aus Portugal im ausverkauften Tor 6 Theaterhaus

Christoph Guddorf
21.07.2016 | Stand 21.07.2016, 17:02 Uhr

Bielefeld. Eine Kugel, ein Lichtkegel und drum herum absolute Finsternis. Im Schatten davon, am Rande von nackter Fläche und Raum, zwei „Beete" aus Steinen und Sand. So kristallisiert sich bereits zu Beginn heraus, welche natürlichen Stoffe und Symbole die Tänzer des Quorum Ballet für ihr Stück „The Elements" zur vermeintlich so modernen materiellen Lebenswelt – einer künstlichen Welt – in Beziehung setzen. Im Rahmen des Tanzfestivals Bielefeld nehmen sie das Publikum im ausverkauften Tor 6 Theaterhaus mit auf eine Reise zurück zu den Ursprüngen des Ichs und des Gemeinschaft spendenden Menschseins, die längst im Sumpf des „Heil bringenden" technologischen Fortschritts zu (Isolation) verkommen drohen. Das portugiesische Ensemble unter der künstlerischen Leitung Daniel Cardosos lässt den Zuschauer eindrücklich erspüren, auf welche Weise der Mensch sich selbst und andere gefährdet und seine Umwelt zum Spielball seiner egoistischen Existenz macht. Spielerisch rollt die Weltkugel zwischen den Akteuren hin und her Gerade wird sie noch ihrer selbst Willen bestaunt, im nächsten Moment fliegt und rollt die (Welt-)Kugel spielerisch wie artistisch zwischen den vier Akteuren hin und her, schmiegt sich an den Körper, wird aber gleichwohl dazu „missbraucht", sich gegenseitig zu umspielen, auszuspielen – und auszuschließen. Gleiches widerfährt der Urgewalt der Erde und des Steins, die geräuschvoll raschelt, rieselt, prasselt und rauscht, in der man sich aalen und winden, an der man sich aber auch reiben, stoßen und verletzen kann – was im radikalsten Sinne dazu führt, sich eine Materialschlacht zu liefern. Gleiches geschieht dem Sand, der geschmeidig über den Körper rieselt, die Sinne umschmeichelt, im Wind oder Sturm verfliegt, aber genauso Verwendung dafür findet, sich damit zu „bekriegen". Wie in der zwischenmenschlichen Beziehung generell, die sich von zärtlicher Umgarnung und Berührung über gemeinsame Bewegungen bis hin zu Abwehr und physischer wie seelischer Gewalt verhält, changieren in Cardosos Choreographie vertraute, artistische, überraschende, aber ebenso zum Schmunzeln anregende Gesten und Figuren, die Mathilde Gilhet, Inês Godinho, Pedro Jerónimo und Filipe Narciso auf kongeniale Weise verkörpern. Oft auf den Punkt genau im Takt und Ausdruck der Musik von Mozart (Sinfonie Nr. 25, Requiem, Klavierkonzert Nr. 23), Mahler (5. Sinfonie) und Debussy („Suite bergamasque") spielen sich die Elemente Erde, Luft, Feuer und Wasser die (teils virtuellen) Bälle zu. Das Ensemble verschränkt sie mit einem (mitunter verschlüsselt bleibenden) Geflecht aus menschlichen Relationen, Reizen und „Verwicklungen" und hinterlässt am Ende ein „urgewaltiges Schlachtfeld" aus Granulat, Sand, besinnlichen wie aufwühlenden Emotionen. Frenetischer Beifall.

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