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Künstler Cornelius Rinne im Gespräch mit NW-Kulturchef Stefan Brams: "Bielefeld braucht mehr Visionen." - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Künstler Cornelius Rinne im Gespräch mit NW-Kulturchef Stefan Brams: "Bielefeld braucht mehr Visionen." | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

"Bielefeld schöpft sein Potential nicht aus"

MITTAGSGESPRÄCHE IM HOLZHAUS (9): Cornelius Rinne über Kultur, fehlende Visionen und eine Kunstschau über 100 Tage

VON STEFAN BRAMS
29.08.2013 | Stand 29.08.2013, 10:53 Uhr

Bielefeld. Die NW-Mittagsgespräche in Sou Fujimotos Holzhaus gehen in die letzte Woche. Den Auftakt zum Finale macht Cornelius Rinne. Der Künstler bescheinigt Bielefeld, eine sehr vielschichtige Kulturszene mit einem großen Potential zu haben. "Nur die Bielefelder schöpfen dieses Potential nicht aus, arbeiten mit diesem Pfund nicht genug, entwickeln keine Visionen für ihre Stadt." Dann erzählt der 57-Jährige eine Anekdote. "Als ich vor acht Jahren aus Krefeld nach Bielefeld umgezogen bin, habe ich eine Freundin gebeten, mir ein paar Kulturtipps für Bielefeld aufzuschreiben. Sie lieferte mir vier Seiten. Aber wenn ich hier jemanden frage, was in Bielefeld los ist, höre ich immer nur, ,nichts Besonderes. Das zeigt doch, dass in der Eigenwahrnehmung etwas nicht stimmt", sagt der gebürtige Hannoveraner, der 1982 ein Jahr in einer freien Studiengruppe bei Joseph Beuys aktiv war. "Weil Bielefeld sein Potential nicht ausschöpft", vergibt der Künstler denn auch nur eine Zwei minus für die hiesige Kultur. Rinne stört sich vor allem am "linearen Denken" in der Stadt und hat auch dafür ein Beispiel parat. "Wenn Sie Oberbürgermeister Pit Clausen, der ein toller, jovialer Typ ist, treffen und ihm einen Vorschlag machen, dann sagt er als erstes, wir haben kein Geld." Das empfinde er als typisches Beispiel für diese Art des Denkens. "Dabei muss es andersherum laufen. Wir müssen uns vielmehr immer die Frage stellen, wie kommen wir zu Geld, um ein Projekt zu realisieren, statt immer gleich abzuwinken", betont Rinne, der Clausen ein Angebot macht: "Ich bin gerne bereit, mich drei Stunden mit ihm und zwei Dezernenten sowie zwei Leuten aus der Wirtschaft, die ich mitbringe, zusammenzusetzen und Visionen für Bielefeld zu entwickeln." Eine Idee nennt er im Mittagsgespräch schon mal: "Ich frage mich zum Beispiel, warum es in der Oetkerhalle nicht ein großes aus allen Sparten bestücktes Kulturfestival gibt, das Geld in die Kassen spülen könnte." Das könne auch den Tourismus ankurbeln und ließe sich mit dem Stadtmarketing verzahnen."Es geht im Kulturamt zu sehr ums Geld" Für letzteres findet er in puncto 800-Jahrfeier Bielefelds wenig lobende Worte. "Das Programm, das Holtkamp verantwortet, ist für mich ein Armutszeugnis. Hier wird doch nur aufgenommen, was schon da ist. Es passiert kaum etwas Neues." Das sei zu wenig für diese Stadt. Das Kulturamt hält Rinne für sehr wichtig. Aber Kritik hat er auch hier parat. "Ich finde, dass sie leider nicht das ganze kulturelle Spektrum im Blick haben und es letztendlich dort immer nur ums Geld und Geldverteilen geht. Aber viel zu wenig darum, wie sie die Kultur nach vorne bringen können." Das sei aber eine wichtige Aufgabe. Kulturellen Netzwerken steht Rinne eher skeptisch gegenüber. "Künstler sind einfach ein bisschen stutenbissig. Deshalb dürfte das nicht funktionieren ", sagt Rinne und nennt die Kulturentwicklungsplanung, die seit einem Jahr in Bielefeld betrieben wird, "im Prinzip richtig". Aber auch die laufe zu sehr in vertrauten Bahnen ab. "Wichtig sei es ihm auch über Qualität in Kunst und Kultur zu debattieren und diese zum Maßstab zu machen.""Auch publizistisch die Kultur voranbringen" Das Theater sieht Rinne gut aufgestellt. Gekürzt werden dürfe hier auf keinen Fall, wie auch nicht bei der Kunsthalle, die einfach toll sei. "Ich wäre bei meiner Ankunft in Bielefeld fast auf meinen Vordermann aufgefahren, als ich den Denker von Rodin dort stehen sah, der mir so wichtig ist." Rinne regt an, die Kunsthalle endlich zu Ende zu bauen. "Dann kann die Kunsthalle auch ihre eigene Sammlung in einer Dauerausstellung zeigen und diese im Zusammenspiel mit den Wechselausstellungen zum Magneten für das eigene Haus machen." Mehr Debatten über die Kunst dürften es in der Kunsthalle auch sein. Regionale Künstler sollte die Kunsthalle eher nicht zeigen. Das ist für Rinne Aufgabe des Kunstvereins, der für seinen Geschmack zu viel auf Architekturausstellungen setzt. Dort fehlten aber auch monatliche Debatten über Kunst, Individuum und Gesellschaft, die man auf einem roten Sofa oder ähnlichem anbieten könne. Hochkultur und freie Szene sollten sich nicht auseinander dividieren lassen, sagt Rinne. "Die Hochkultur bedient sich aus einem weltweiten Fundus und muss deshalb stärker gefördert werden, als die regionale Kultur." Und Förderung müsse ja auch nicht immer nur aus Geldmitteln bestehen. Sehr gute Rahmenbedingungen für Projekte zu schaffen, sei auch Kulturförderung. Am Ende des Gesprächs packt Rinne eine eigene Vision aus: "Bielefeld sollte unter dem Motto ,100 Tage - 100 Künstler eine große Kunstschau aller Künste auf die Beine stellen, die die ganze Innenstadt bespielt." Über diese Vision würde er gerne mal mit Clausen reden. Und an die NW geht der Wunsch, "einmal im Monat mit einem Kulturblatt herauszukommen, um hier auch publizistisch die Kultur voranzubringen."

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