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Blumfeld in Originalbesetzung: Sänger Jochen Distelmeyer zwischen Bassist Eike Bohlken (l.) und Schlagzeuger André Rattay. - © Sven Sindt
Blumfeld in Originalbesetzung: Sänger Jochen Distelmeyer zwischen Bassist Eike Bohlken (l.) und Schlagzeuger André Rattay. | © Sven Sindt

Musik Jochen Distelmeyer: „Wenn wir zusammen sind und spielen, ist das Blumfeld“

2007 löste sich die Band Blumfeld auf, jetzt sind die einflussreichen Vertreter der Hamburger Schule für eine Tour zurück

Johannes Hülstrung
20.05.2018 | Stand 21.05.2018, 09:39 Uhr

Bielefeld. 14 Konzerte geben Jochen Distelmeyer, André Rattay und Eike Bohlken auf ihrer Comeback-Tour, die kein richtiges Comeback sein soll. Die eigentlich noch immer aufgelöste Kultband Blumfeld gastiert mit der „Love Riots Revue 2018" auch im Forum Bielefeld. 
Vor dem Tourstart spricht der 1967 in Brake geborene Frontmann im Interview über die Gründe für die Reunion, den modernen Sound der alten Songs und kündigt sogar neues Material an. Herr Distelmeyer, die Ankündigung einer neuen Blumfeld-Tour kam überraschend ... Jochen Distelmeyer: Wir durften letztes Jahr beim Lieblingsplatte-Festival in Düsseldorf unser erstes Album „Ich-Maschine" aufführen. Das war ein so fantastischer Abend, dass wir beim Frühstück im Hotel am nächsten Morgen dachten: Das könnten wir doch fortsetzen. Anders als bei der „L’état et moi"-Jubiläumstour 2014 verschlägt es Sie jetzt auch nach Bielefeld. Warum? Distelmeyer: Ursprünglich wollten wir nicht in irgendwelchen Metropolen spielen. Es sollte eine kleine, schnelle Clubtour werden. In Städten, die uns wichtig sind, mit denen wir uns verbunden fühlen. Bielefeld gehört dazu. Wir haben unterschätzt, dass die Nachfrage sehr schnell zunahm. Deswegen spielen wir auch in Hamburg und Berlin. Im Forum waren Sie zuletzt vor zwei Jahren als Solokünstler. Distelmeyer: Das Forum hat die perfekte Größe für mich. Ich kenne es noch, als es damals in Enger war. Gut, um nach Hause zu kommen. Welche Erinnerungen aus Ihrer Jugend haben Sie daran? Distelmeyer: Ich habe so viele Bands im ehemaligen Forum Enger gesehen. Nirvana waren da, die fand ich aber gar nicht so toll. Ich kann keine einzelne Band rauspicken. Erstens ist es zu lange her, zweitens waren es zu viele Abende. Für mich fand meine Jugend weitgehend im AJZ Bielefeld und im Forum Enger statt. Und in der Scala in Herford. Sie haben noch Familie in Bielefeld und sind regelmäßig da. Was hat sich mehr verändert, die Stadt oder Sie? Distelmeyer: Ich bin nicht jeden Monat dort, das sind schon einzelne besondere Termine. Veränderungen habe ich gar nicht so wahrgenommen, weil ich abends nicht ausgehe in Bielefeld. Klar habe ich mich verändert. Ich habe länger in Hamburg gelebt als in Bielefeld, bin inzwischen seit vielen Jahren in Berlin. Sind Sie Bielefelder, Hamburger oder Berliner? Distelmeyer: Jetzt bin ich Berliner. In Hamburg habe ich mich heimisch gefühlt, war aber ein Zugezogener. Wenn ich in Bielefeld bin, fühle ich mich den Leuten sehr nah und verwandt. Es war eine sehr prägende Phase in Ostwestfalen. Auch musikalisch? Distelmeyer: Schon während meiner Kindheit und Jugend in Bielefeld bin ich der Musik gefolgt. Das ist mein eigentliches Zuhause. Und on the road zu sein, auf Tour. Apropos Tour: Wird das eine Reise in die Vergangenheit? Distelmeyer: Wir hatten in Düsseldorf bei „Die Diktatur der Angepassten" oder Sachen von meinem Soloalbum das Gefühl, dass das gut in die Zeit passt. Laut der Reaktion des Publikums gibt es wohl einen Bedarf nach diesen sehr aktuellen Stücken und Haltungen. Haben Sie nicht das Gefühl, dass die Songs alt geworden sind? Distelmeyer: Nee, null. Es war, als hätten wir das Material jetzt gerade geschrieben. Vieles davon ist immer noch das, was uns drängend beschäftigt, in diesen Zeiten vielleicht stärker als zuvor. Also gibt es keine neuen Songs? Distelmeyer: Bei den Proben sind wir auch dabei, neues Material zu entwickeln. Es kann gut sein, dass wir davon live etwas vorstellen werden. Wenn das gut ankäme, wäre auch ein neues Album möglich? Distelmeyer: Das ist nicht ausgeschlossen. Wir machen keine Pläne, sondern gehen einfach mit dem Flow der Zeit. Die Band gilt weiterhin als aufgelöst, obwohl Sie zusammen im Proberaum sind. Distelmeyer: Ich mache mir nicht so viele Gedanken, ob Blumfeld aufgelöst ist oder nicht. Wenn wir zusammen sind und spielen, ist das Blumfeld. Und wenn wir auf Tour sind, gibt es Blumfeld. Wollen Sie den Status der Auflösung nicht aufheben? Distelmeyer: Wenn wir eine neue Platte machen, tun wir das. Aber ich sammele gerade Material für mein neues Soloalbum. Das ist die nächste Platte, die für mich ansteht. Ist die Band besser als früher? Distelmeyer: Zwischen André Rattay, Eike Bohlken und mir gibt es ein blindes musikalisches Verständnis. Absurderweise auch nach all den Jahren, in denen wir nicht zusammen gespielt haben. Ob wir besser oder schlechter sind, sollen die Leute im Forum entscheiden. Aber ich glaube, es ist ziemlich gut. Wie grenzt sich Jochen Distelmeyer solo von Blumfeld ab? Distelmeyer: Das Zusammenspiel mit André und Eike entwickelt aus sich heraus eine andere Musikalität. Ich habe in den letzten Jahren eher Akustikgitarre gespielt und von E-Gitarren Abstand genommen. Das Material meiner nächsten Soloplatte wird sich schon davon unterscheiden, wie wir jetzt gemeinsam musizieren. Vor vier Wochen ist der schwedische DJ Avicii gestorben. Hatten Sie durch Ihr Cover seines Songs „I Could Be the One" eine stärkere Verbundenheit zu ihm? Distelmeyer: Ich hatte keine besondere Beziehung zum Künstler Avicii. Ich fand diesen einen Song einfach sehr gut. Vieles von dem, was seine Zerrissenheit, seinen Schmerz ausmacht, ist darin enthalten. Ich hatte früher schon das Gefühl, dass die Zwänge seines großen Erfolgs über seine Möglichkeiten hinausgingen, dass eine Überforderung war. Inwiefern? Distelmeyer: Man muss auf sich selbst hören und weniger auf Leute, die einen beraten, wie seinen Manager, der eine unrühmliche Rolle spielte und seiner Verantwortung nicht nachgekommen ist, seinen Künstler zu schützen. Wie ist Blumfeld mit solchen Dingen umgegangen? Distelmeyer: Es ging uns immer darum, das Werk zu schützen, die Songs keinem vorschnellen Erfolg oder der Massenkompatibilität preiszugeben. Wir haben sehr viele Sachen nicht gemacht, die uns zweifelhaft oder nicht angemessen schienen. Also gab es Versuche, Blumfeld kommerziell auszuschlachten? Distelmeyer: Dagegen ist erst mal nichts einzuwenden. Aber ich habe schon früh beobachtet, dass manche Leute sehr schnell verbrennen. Weil ich Musik liebe, ist es mein Ziel, das lange und immer zu machen. Nah an der Musik und an den Leuten, für die ich das mache, zu bleiben, und mich nicht irgendwelchen Marktkonformitäten anzudienen.

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