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Überzeugte in Bielefeld: Geiger Gidon Kremer. Foto: dpa - © Verwendung weltweit
Überzeugte in Bielefeld: Geiger Gidon Kremer. Foto: dpa | © Verwendung weltweit

Kultur Beharrliche Botschaften eines Berufenen

Oetkerhalle: Gidon Kremer und seine Kremerata Baltica

Christoph Guddorf
26.04.2017 | Stand 25.04.2017, 18:43 Uhr

Bielefeld. Das aus Nachwuchsmusikern der baltischen Länder bestückte Kammerensemble Kremerata Baltica ist mit seinen 20 Jahren zwar längst dem Entwicklungsalter entstiegen, doch unter Gidon Kremers jugendlicher Neugier und beharrlichem Verlangen nach Verwunderung unbequem und erfrischend experimentierfreudig geblieben. Denn neben einem samten timbrierten, technisch wie gedanklich genügsamen „Lützower“ Klavierkonzert (KV 246) des jungen Mozart – die brillant-geschärfte Kontur ist hier nur bedingt die Herangehensweise des jungen, äußerst beredt, wenn auch ein wenig manieriert und pedalverliebt agierenden Franzosen Lucas Debargue – setzt der gerade 70 Jahre alt gewordene Kremer auch in der Oetkerhalle auf kompromisslose Kontraste.Der Komponist erscheint moderner als gewollt So wirkt Schuberts ausladende C-Dur-Fantasie D 934 (original für Violine und Klavier) in einer stark verfremdeten Orchesterbearbeitung wie eine Neuentdeckung, die den Komponisten moderner als gewollt erscheinen lässt. Neben Eingriffen in Dynamik und Artikulation trägt auch die eigenwillige Aufteilung des melodischen Materials zwischen Solist sowie ersten und zweiten Geigen dazu bei, dass Schubert kaum wiederzuerkennen ist. Der scheint hier aus dem streichertremolierenden Nirwana zu kommen, das Violinsolo wie einen schwebenden Klagegesang mitbringend. In Schuberts Reihe von stilistisch und harmonisch modulierenden, lose miteinander verbundenen Abschnitten, die um eine Folge von sich durchaus langatmig ausnehmenden Variationen über seine Rückert-Vertonung „Sei mir gegrüßt“ herum konstruiert ist, kann Kremer so vor allem mit einer Palette perlender Pastelltöne und feinziselierter Figurationen glänzen. In Alfred Schnittkes „Concerto grosso Nr. 1“ dagegen sind polystilistische Sphären derart miteinander verschmolzen, dass neoklassizistische Züge auf ein präpariertes Klavier, Zitate eines Kinderchorals, einer atonalen Trio-Serenade, eines Corelli „Made in UdSSR“ und des Lieblingstango seiner Großmutter (gespielt auf dem Cembalo!) treffen. Ein für alle Seiten anspruchsvolles, sich stark in Sekunden reibendes Werk, das – hier mit Clara-Jumi Kang an der zweiten Violine – die Sinne bis an ihre Grenzen reizt. Die deutsch-koreanische Geigerin hatte zuvor in Georgs Pelcis’ „Last Song“ akustisch atemberaubend „Abschied genommen“ von jenen Erlebnissen, die einem zum ersten und letzten Mal begegnen und denen gegenüber (am Ende des Lebens) die Unbegrenztheit des „Paradieses“ wartet. Eine anders geartete diesseitige Melancholie erfüllt Astor Piazzollas Tango-Kompositionen „Celos“ und „Le Grand Tango“, hier zu hören in Bearbeitungen von Andrei Pushkarev, der im ersteren gewandt wie klangsubtil „seinen“ Vibraphonpart übernimmt. Auch in diesen Stücken erweist sich Gidon Kremer als Mann der leisen (Zwischen-)Töne, die dem sehnsüchtig-süffigen Piazzolla-Tonfall eine Seite einverleibt, die mit ihren Kräften haushalten muss. Doch beflügelt selbst diese Seite die Beständigkeit jener Botschaften eines getriebenen Ausnahmekünstlers, der fraglos die Reverenz einer vollbesetzten Oetkerhalle verdient gehabt hätte. „Paldies“, Gidon Kremer!

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