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Glänzender Auftritt: Das Bolschoi Ballett aus Weißrussland tanzte sich in die Herzen des Bielefelder Publikums. - © Andreas Frücht
Glänzender Auftritt: Das Bolschoi Ballett aus Weißrussland tanzte sich in die Herzen des Bielefelder Publikums. | © Andreas Frücht

Kultur Bolschoi Staatsballett Belarus beflügelt mit „Schwanensee“

Erstklassige Ballettformation aus Minsk

Christoph Guddorf
16.01.2017 | Stand 15.01.2017, 20:19 Uhr

Bielefeld. Mit den jungen Prinzen ist das so eine Sache. Da kann es passieren, dass sie sich von der Macht äußerlichen Zaubers in die Irre führen lassen und in die Falsche vergucken. Und sei es von einem Missgünstigen namens Rotbart, dem das Versprechen ewiger Liebe und Treue missfällt und der das Liebespaar auseinander bringen will. Denn nur die wahre Liebe kann eine verzauberte Prinzessin erlösen. So auch im von Peter Tschaikowsky kongenial theatralisch vertonten Märchen-Ballett „Schwanensee", das am Freitagabend die Stadthalle beglückte. Und das mit einer erstklassigen Ballettformation aus Minsk, dem Bolschoi Staatsballett Belarus. Selbst sein Künstlerischer Leiter Juri Trojan lässt es sich nicht nehmen, seine Schützlinge dabei zu begleiten, bei ihren Gastspielen mit dazu beizutragen, „die deutsch-belarussische Freundschaft im Zeichen von Toleranz und gegenseitiger Anerkennung zu festigen", wie es im glanzvollen Prospekt heißt. Als glänzend darf sich auch die künstlerische Darstellung des Ballett-Klassikers rühmen. In der traditionellen Choreografie des einstigen Ballettdirektors des Zarenhofes, Marius Petipa, der am Ende seiner langen Karriere in Tschaikowsky seinen musikalischen Meister gefunden hatte, wirkt der Stoff zeitlos und bildet zugleich einen vollendeten tänzerischen Ausdruck seiner Zeit – ob in der Aktions- oder Charakterzeichnung. Die Charakterzüge der Figuren werden – obwohl oder gerade weil märchenhaft – gestisch glaubhaft gezeichnet. Allen voran von Aleksandra Tschischik, die den weißen wie schwarzen Schwan (Odette/Odile) mit unfassbarer Anmut und Präsenz durchdringt und selbst die 32 Fouettés (Drehungen mit schwunghaft angewinkeltem Bein) scheinbar mühelos auf den Punkt bringt. Jegor Azarkewitschs Prinz Siegfried steht dem nur wenig nach, wirken manche seiner Sprünge nicht (mehr) ganz so selbstverständlich. Auch der kokette Konstanin Geronik als Hofnarr sticht in seinen wenigen, aber dafür ungemein überzeugenden Momenten heraus. Anton Krawtschenkos Zauberer Rotbart vermag indes die dunkle Macht des Bösen nicht in Gänze auszufüllen – der Funke des Finsteren will nicht recht überspringen. Womit wir bei der Ausstattung wären, die ganz und gar dem Stil einer romantisch verklärten, höfisch gepuderten Ära entspricht und mit meist pastellenen Kostümen in eine andere Welt versetzt. Was der begrenzten Beleuchtung (in der nächtlichen Szene am See mit künstlichem, aber leider Hustenreiz auslösendem Nebel unterstützt) nicht durchweg gelingt, die wie auch die (anfänglich allein blecherne) Musik aus der Konserve und der wenig plüschig-pompöse Saal der Stadthalle dem Eintauchen in die märchenhafte Welt im Wege steht. Was der beeindruckenden Leistung dieser „beflügelten" Ballettformation allerdings keinerlei Abbruch tut. Bravo Bolschoi Belarus!

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