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Kultur Zweites Symphoniekonzert in Bielefeld: Langer Applaus und Bravorufe

Beredte und bildhafte Akzente gesetzt

Christoph Guddorf
31.10.2016 | Stand 30.10.2016, 19:18 Uhr

Bielefeld. Es ist ein Gang zum Richtplatz, der eines gekränkten Königs würdig ist. Mit breiter Brust und triumphalem Pomp marschiert Hector Berlioz’ fantasiertes Alter Ego unter wilden Gespött zum Schafott. Ein letzter Liebesgedanke ertönt, bevor die „fixe Idee" wie auch er selbst geköpft wird. Dabei hatte das 2. Symphoniekonzert der Bielefelder Philharmoniker doch so unbeschwert begonnen. Jazzig-beredt, bisweilen beinahe bigband-beswingt eröffnen Alexander Kaljdzic, seine Philharmoniker und Solist Jan Schulte-Bunert die Bühne mit Jaques Iberts Kammerkonzert für Altsaxophon und Orchester. Der Echo-Klassik-Preisträger weiß sein Instrument in allen Farben und tonlichen Spannweite klangschmeichlerisch wie kraftvoll auszureizen, auch wenn in den von französischem Esprit nur so strotzenden Ecksätzen die Gestaltung der Tempi von Solo und Orchester nicht gänzlich deckungsgleich ist. Wunderbar einmütig gelingt der mild-melancholische Mittelsatz, in dem die warme Stimmhaftigkeit des Instruments besonders zur Geltung kommen kann. Fast unmerklich ineinander fließend Im wahrsten Sinne des Wortes „minimale" musikalische Verschiedenheiten prägen auch Philip Glass’ Konzert für Saxophonquartett und Orchester, das nun die anderen drei Musiker des Ensembles clair-obscur mit ihrem „hell-dunklen" Stimmspektrum bereichern. Fast unmerklich ineinander fließend glücken die solistischen und gemeinsamen Passagen, deutlich treten immer wieder die kleinen kompositorischen Veränderungen hervor. Schulte-Bunert (Sopran), Maike Krullmann (Alt), Christoph Enzel (Tenor) und Kathi Wagner (Bariton) setzen mit ihren Saxophonen in jedem Satz gefühl- und lustvoll ihre stimmcharakteristischen Akzente.Mal sanft schwebend, mal nervös flirrend, rhythmisch trotzköpfig, humorvoll und in vielerlei Hinsicht schlagfertig birgt das Werk neben seinem entspannten, teils einlullenden Lyrismus (1. u. 3. Satz) vor allem in den jazzigen raschen Sätzen immer wieder angenehme rhythmische wie instrumentale Überraschungen. Zu letzteren zählt auch die Zugabe von clair-obscur: Piazzollas „Libertango" fügt sich, aus beiden Ecken klanglich zusammengeführt, quasi zu einer „erlebten Vermischung" von klassischem und „neuem" Tango. Berlioz’ „Symphonie fantastique" dagegen kommt erst in der wunderbar süßlich parfümierten Walzer-Seligkeit des „Ball"-Satzes in Tritt. Die pastorale Idylle der „Szene auf dem Lande" fängt Kalajdzic mit zerbrechlichem Flirren berührend ein, der Gang zum Richtplatz und der Alptraum eines Hexensabbats geraten eindrücklich klangmassiert – angesichts eines grausamen Todes und teuflischen Ritts dennoch ein wenig zu brav. Am Ende langer Applaus und Bravorufe für dieses bemerkenswert bild- und sprachreiche Programm.

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