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Kultur Vivaldi on the Rocks

Oetkerhalle: Der Geiger Daniel Hope und das Ensemble „L’arte del mondo“ gaben Vivaldis „Vier Jahreszeiten“

18.04.2016 | Stand 18.04.2016, 18:53 Uhr

Christoph Guddorf Bielefeld. Machen wir uns nichts vor: Auch Antonio Vivaldis Originalversion bedient sich bereits harmonisch ambitionierter, rhythmisch grooviger und atmosphärisch klingender Elemente, die man sich durchaus in einem Club-Ambiente vorstellen könnte. Nun ist der große Saal der Oetkerhalle weit davon entfernt, es mit der Stimmung in einem Club aufnehmen zu können und zu wollen – und doch herrscht im zweiten Teil des Schoneberg-Konzerts mit Daniel Hope und dem Ensemble L’arte del mondo so etwas wie eine Lounge-Atmosphäre. „Vivaldi recomposed“ oder – im weitesten Sinne – anders beleuchtet. Zwar ohne den „Neubearbeiter“ Max Richter am Synthesizer, aber dennoch mit akustischer Verstärkung gehen Vivaldis visionäre wie visuelle Concerti in einer experimentell-elektrisierten Mischform über die Bühne. Es ist ja nicht so, dass Orchester und Sologeiger Hope ein Problem mit dem Original hätten – das bringen sie in derart atemberaubend musizierlauniger, dynamisch nuancierter und farbig-frisch gestalteter Manier dar, dass die zahlreich erschienene Zuhörerschaft bereits vor der Pause bestens bedient ist. Nein, vieles an originärer Essenz ist bei Richter erhalten geblieben, manchmal nur in Form eines motivischen Moments, ein anderes Mal lediglich ein wenig verkürzt, verlängert oder (rhythmisch) versch(r)oben. Richter hat in Vivaldi hineingeschrieben, L’arte del mondo und Hope sind beiden mit Leib und Seele verschrieben. Und das ist zu hören – was man von der zusätzlichen Harfe nicht behaupten kann; ansonsten ist die Besetzung dieselbe wie zuvor beim „Vivaldi unplugged“, nur dass die Musiker nun obendrein unter Strom gesetzt sind.Starkes Vibrato hinterlässt klebrigen Beigeschmack Dabei hätten sie – und die Version des heutigen Abends – dies gar nicht nötig. Zu Beginn und im Weiteren in den Spitzentönen wirkt die Verstärkung sogar störend verzerrt. Nun, Richters Neubearbeitung hat ihre Stärken in der „zweiten Jahreshälfte“, denn vor allem im „Frühling“ treten die sich wiederholenden harmonisch-motivischen und rhythmischen Muster (im Gegensatz zum kurzweiligen Original) oft auf der Stelle und sorgen streckenweise eher für Ver- als für Entspannung. Auch das starke Vibrato Hopes an lyrischen Stellen hinterlässt einen unangenehm süßlich-klebrigen Beigeschmack, der in dieser mehr geradlinig und puristisch-reduziert erscheinenden (Neu-)Komposition eher fehl am Platze scheint. Doch es gibt diese (positiv) hypnotisierenden Momente, die etwa mit orgelpunktartigen und rhythmisch überraschenden Elementen in den Bann ziehen oder aufhorchen lassen. Auch wenn, oder gerade weil sie aus Vivaldischen Themen und Impulsen erwachsen und aus diesen ihr Konzentrat bilden. Vivaldi in voller Pracht gibt’s noch einmal in der Zugabe, einem a-Moll-Concertosatz – neben einem äußerst feinnervigen und nie verzärtelt verzierten Bachschen „Air“. Doch das Publikum will noch mehr – und wird von Hope mit einem Augenzwinkern und Johann Paul von Westhoffs variierter Version von „Guten Abend, gute Nacht“ in den Restabend geschickt.

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