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Bielefeld Philosophin Nicole C. Karafyllis über das "Putzen als Passion"

Heitere Beleuchtung eines Alltagsphänomen

30.08.2013
Wer richtig putzen will, muss viel wissen über Schmutz, Oberflächen und Chemie. - © FOTO: DPA
Wer richtig putzen will, muss viel wissen über Schmutz, Oberflächen und Chemie. | © FOTO: DPA
Philosophin Nicole C. Karafyllis über das "Putzen als Passion" - © Kultur
Philosophin Nicole C. Karafyllis über das "Putzen als Passion" | © Kultur

Bielefeld. Für viele Menschen ist das Putzen ein notwendiges Übel. Die Wissenschaft kehrt das Thema unter den Teppich. Ein Fehler, meint die Philosophin Nicole C. Karafyllis. Ihr Buch "Putzen als Passion" ist eine schlaue und heitere Beleuchtung des Alltagsphänomens. Mit der Braunschweiger Professorin sprach Anke Groenewold.

Frau Karafyllis, ist Putzen für eine Philosophin nicht ein eigenartiges Thema?
NICOLE KARAFYLLIS: Ja, das stimmt. Es war auch ein Experiment. Ich hatte ein bisschen Sorge, dass sich die anderen Philosophen darüber lustig machen, aber die Reaktion ist ganz anders. Philosophen erkennen darin die philosophischen Problemstellungen. Ich finde, dass es für die Geisteswissenschaften mal nötig war, sich nicht nur mit dem Ästhetischen und Schönen zu beschäftigen, sondern auch mit der anderen Seite, dem Dreck. Ich will den Leser verführen, mit mir über etwas zu philosophieren, was er jeden Tag macht.

Information

Nicole C. Karafyllis

  • 1970 geboren in Lüdinghausen/Kreis Coesfeld.
  • Studierte Biologie und Philosophie.
  • Ist Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Braunschweig. Ihre Schwerpunkte sind Wissenschafts- und Technikphilosophie.
  • Ihr Buch "Putzen als Passion. Ein philosophischer Universalreiniger für klare Verhältnisse" erscheint im Kulturverlag Kadmos (214 S., 14,90 ð).


Komisch, dass es zu so einem Thema, das alle umtreibt, bisher keine Literatur gibt.

KARAFYLLIS: Fand ich auch. Zur Philosophie des Kochens gibt es einiges, auch zu Sportarten, vor allem Fußball natürlich. Ich beobachte schon seit vielen Jahren, wie die Leute putzen, wo sie putzen und was sie über das Putzen erzählen. Dann gab es letztes Jahr einen konkreten Anlass: Ich hatte einen Balkonanbau, und bei mir wurde die Wand durchbrochen. Ich war so viel mit Putzen beschäftigt, dass ich das dann abends immer aufgeschrieben habe.

Sie treten mit ihrem Buch an, "ernste Einblicke in die Vielfalt des Putzuniversums" zu geben. Und Sie wollen aber auch motivieren, bewusster und begeisterter zu putzen. Warum?
KARAFYLLIS: Ich kann beim Putzen unglaublich gut nachdenken und meine Gedanken sortieren. Deswegen mache ich es auch gern. Es geht gar nicht in erster Linie um den Schmutz, sondern darum, etwas Sinnvolles zu tun. Ich glaube, dass das "Lösen" eines Problems besonders gut gelingt, wenn man auch etwas "in Lösung bringt". Es ging mir auch darum, ein bisschen gegen diese Sportideologie anzugehen. Es heißt ja immer, man solle Sport treiben. Ich finde es relativ gewaltsam, sich körperlich zu erschöpfen, um den Kopf frei zu kriegen. Ich will gar nicht, dass mein Kopf leer ist, ich möchte nur Klarheit in einen Gedanken bringen. Zum anderen geht es mir darum, ein Bewusstsein dafür zu erzielen, wie viele Dinge wir um ums herum haben.

"Putzen gehört zwingend zum Konsum", sagen Sie.
KARAFYLLIS: Ich finde, dass man sich den Dingen wieder liebevoll zuwenden sollte. Ich glaube nicht, dass wir es ändern können, dass wir in einer Konsumgesellschaft leben, aber wir können eine andere Haltung dazu haben. Mein Buch ist ein bisschen gegen diese "Simplify Your Life"-Bücher und dieses "Schmeißt alles weg" geschrieben. Ich denke: Sucht die Dinge aus, die ihr kauft, liebt sie, putzt sie aber auch. Ich glaube, dass man dann automatisch weniger Dinge kauft, aber schönere hat. Denn die Putzverweigerung führt zu einer Langeweile im Design. Was hatte man zum Beispiel vor dem Ersten Weltkrieg für schöne Jugendstilsachen. Heute ich alles eckig und so, dass man es in den Geschirrspüler tun kann. Es liegt auch an uns, was für Dinge wir im Handel bekommen.

Sie empfehlen Sprossenfenster, Kamine, Verschnörkeltes und kreuzartige Doppelarmaturen im Retro-Design.
KARAFYLLIS: Die Sehnsucht ist ja da. Warum kaufen die Leute sonst Dinge vom Flohmarkt oder beim Antiquitätenhändler? Da geht es nicht nur darum, dass sie alt sind, sondern dass sie andere Formen haben, die wir nicht mehr kennen. Und die sind halt putzintensiv. Das zeigt aber auch, dass man sich früher nicht so viele Gedanken darum gemacht hat. Das liegt daran, dass man die Zeit im Leben nicht eingeteilt hat in sinnvolle und sinnlose. Jetzt muss alles sinnerfüllt sein, und angeblich hat Putzen keinen Sinn, und das sehe ich anders.

Sie schreiben, wer das Putzen als lästig empfindet, lässt sich vom Schmutz beherrschen. Wie meinen Sie das?
KARAFYLLIS: Wenn man Putzen zu sehr an Schmutz bindet, also etwa aus Angst, dass es schmutzig sein könnte, wird man beherrscht. Man sollte Putzen an Schönheit und Wohlfühlen binden, an ein positives Gefühl statt an ein negatives.

Verblüffend ist, dass eine Wohnung auch dann verschmutzt, wenn der größte Schmutzversursacher, der Mensch, abwesend ist.

KARAFYLLIS: Ja, und das ist urphilosophisch, weil man daran merkt, dass sämtliche Materie zur Unordnung strebt. Aber das hat auch etwas Befreiendes, weil das den Schmutz von der Schuldfrage löst. Man kann einfach gar nichts dagegen tun. Das zeigt auch, dass man selber vergänglich ist wie die Dinge um einen herum. Deswegen ist es schön, wenn man sagt: Gut, was ich dagegen tun kann, das mache ich, aber auf ewig kann ich keine Ordnung herstellen.

Aber gerade das Wissen um die Vergeblichkeit des Putzens macht die Tätigkeit so frustrierend.
KARAFYLLIS: Ja, aber das zeigt nur, dass man einen Anspruch auf Ewigkeit hat, und es ist auch mein Anliegen, das zu hinterfragen. Es ist ein restreligiöses Denken, dass man auf ewig einen Bestand generieren kann, der unsterblich ist. Das ist er eben nicht. Wir haben eine Zeit hier, die können wir uns schön machen, und das Putzen gehört mit dazu. (lacht) Die große Frage der Philosophie ist immer: Wie unterscheide ich das, was ich weiß, von dem, was ich glaube. Und das zeigt sich beim Schmutz besonders gut.

Inwiefern?
KARAFYLLIS: Entweder will ich etwas über den Schmutz wissen, dann kann ihm auch auf den Leib rücken. Oder man sieht den Schmutz gar nicht, glaubt aber fest an ihn wie die Sagrotan-Nutzer. Die haben auch ein leicht religiöses Reingungsmotiv (lacht). Was aber auch durch die Industrie bedient wird.

Sie sagen, dass das Putzen eine gesellschaftspolitische Dimension hat. Worin besteht die?
KARAFYLLIS: Der Putzende möchte ja nicht nur, dass es für sich schön ist, sondern für die anderen. Putzen hat auch die Komponente, dass man etwas vorzeigen will. Von daher ist Putzen an die Idee einer Gemeinschaft gebunden. Das eigentlich Politische daran ist, dass man auch darüber reden muss, weil es Zeit kostet. Man sollte sagen: Ich brauche jetzt zwei Tage Urlaub für den Frühjahrsputz, damit ins Bewusstsein gerückt wird, wie viel Zeit wir damit verbringen.