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Humorist Martin Sonneborn: "Wir wollen an die Macht"

Interview über die Grenzen und Möglichkeiten von Satire

29.11.2011 | Stand 29.11.2011, 00:23 Uhr
Martin Sonneborn will mit seiner "Partei" in den Reichstag. - © FOTO: DPA
Martin Sonneborn will mit seiner "Partei" in den Reichstag. | © FOTO: DPA
Martin Sonneborn: "Wir wollen an die Macht" - © KULTUR
Martin Sonneborn: "Wir wollen an die Macht" | © KULTUR

Bielefeld. Martin Sonneborn, ehemaliger Chefredakteur der Satire-Zeitschrift Titanic und Gründer der "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative", war am Wochenende mit seinem Programm "Krawall und Satire" im Bielefelder Kulturkombinat Kamp zu Gast. Hanna Irabi sprach mit ihm über die Ziele seiner Satire-Partei, die Inhaltslosigkeit der deutschen Politik und die Wirkungsmöglichkeiten von Satire.

Herr Sonneborn, was erwartet das Publikum in Ihrem Programm "Krawall und Satire"?
MARTIN SONNEBORN: Der Titel ist zustande gekommen, weil der Stern – ein Tittenmagazin aus Hamburg mit stark sinkender Auflage – mich mal als "Krawallsatiriker mit Profilneurose" bezeichnet hat. Kurz nachdem wir uns bei "Spam", der Satire-Rubrik von Spiegel Online, über ein paar freizügige Stern-Cover lustig gemacht haben. Es ist aber egal wie das Programm heißt, es ist eh immer das Gleiche: brachiale Propaganda für "Die Partei" und unsere neuesten Aktionen gegen NPD und FDP, die kaputtesten Parteien im demokratischen Spektrum. Außerdem zeige ich satirische Filme, die überwiegend für die "heute show" im ZDF entstanden sind.

Information

Parteigründer

  • Geboren am 15. Mai 1965 in Göttingen.
  • Studium: Publizistik, Germanistik und Politikwissenschaft in Münster, Wien und Berlin.
  • Magisterarbeit über das Satiremagazin Titanic und die Wirkungsmöglichkeiten von Satire.
  • Am 2. August 2004 gründet Sonneborn mit weiteren Redakteuren der Titanic die Partei "Die Partei", deren Bundesvorsitzender er ist.


Was will denn "Die Partei", deren Bundesvorsitzender Sie sind?
SONNEBORN: Wir wollen an die Macht in diesem Land. Wir schätzen die Demokratie sehr und freuen uns, dass sie uns ermöglicht, auf unblutigem Wege an die Macht zu kommen. Übrigens sind wir auf einem guten Weg, wir konnten unsere Wahlergebnisse bisher bei jeder Wahl verdoppeln. Ein Mathematiker würde jetzt errechnen, dass wir in 32 oder 64 Jahren an der Macht sind. Allerdings hatten wir im September einen furchtbaren Rückschlag in Berlin: 0,9 Prozent ist zwar unser bestes Ergebnis seit Kriegsende, aber wir lagen noch ein Prozent hinter der FDP. Das ist natürlich eine Demütigung. Hinter der FDP, einer Trümmerpartei ohne Inhalte, die kein Bestandsrecht mehr hat und sich gerade auflöst!

Haben Sie einen Lieblingspolitiker?
SONNEBORN: Merkel ist ein interessantes Objekt. Für einen Spaß in der "heute show" stand ich ihr mal auf einen Meter gegenüber – beim Tag der offenen Tür. Sie sah uns, musste aber direkt an uns vorbei, weil überall Leute standen. Alle strahlten und waren fröhlich, und ich hab’ sie dann nur gefragt: Frau Merkel ist das heute ein schöner Tag oder eher ein Scheißtag für Sie? Darauf kam ein beeindruckend eisiger, beleidigter, aber auch der eigenen Machtlosigkeit bewusster Blick. Der Regisseur Andreas Coerper und ich haben uns danach unglaublich gefreut, dass wir in einer relativ stabilen Demokratie leben. Unter Saddam oder Bush wäre man zumindest brachial gefoltert worden.

In welchen Situationen kommen Ihnen die Ideen für Ihre Satire-Aktionen ?
SONNEBORN: Es gibt ein Vorurteil, das besagt, dass bei Titanic viel am Biertisch entsteht, und das war zu meinen Titanic-Zeiten auf jeden Fall so. Ideen kommen aber auch in den Minuten nach dem Aufwachen. Und es kann auch auf der Bühne sein, es gibt ja bei meinen Lesungen immer Kommunikation mit Zuschauern. Da entstehen auch manchmal lustige Dinge.

Gibt es für Sie eigentlich satirische Tabuthemen?
SONNEBORN: Es gibt keine grundsätzlichen Tabuthemen, höchstens Bereiche, in denen man möglicherweise etwas sensibler vorgeht. FDP, Ostwestfalen, so etwas. Tabuthemen sind für Titanic und Satire im Allgemeinen sehr wichtig. Wir finden nur immer weniger, weil sich unsere Gesellschaft weitgehend enttabuisiert. Darum waren wir über die deutsche Einheit auch sehr glücklich. Dass es den Ost-West-Konflikt gab, war vielleicht das schönste Geschenk, das die deutsche Einheit mit sich gebracht hat. Für eine kleine populistische Partei ist das natürlich ein gefundenes Fressen.

Sie betreiben seit mehr als 15 Jahren Satire. Hat sich die Art, Satire zu machen, in dieser Zeit verändert?
SONNEBORN: Nein, das glaube ich eigentlich nicht. Um Titanic herum hat sich eine Gruppe von Leuten gesammelt, die auf eine besondere Art und Weise auf den zunehmend irrer werdenden Kapitalismus und unser System reagiert, nämlich versuchsweise mit einem guten Witz, mit Satire, mit Humor. Es kann sein, dass Sachen heute ein größeres Gewicht bekommen, weil sie sich im Netz anders verbreiten. Es kann auf der anderen Seite auch sein, dass Sachen nicht so wahrgenommen werden, weil etwa Printmedien heute einen schwereren Stand haben. Aber im Grunde hat sich nicht so arg viel verändert. Ich glaube, mit einem guten Witz konnte man vor zehn Jahren genauso viel Wirkung erzielen wie heute.

Was kann Satire denn erzielen?
SONNEBORN: Es gibt einen DVU-Landtagsabgeordneten aus Sachsen- Anhalt, der nach einer Telefonaktion sein Mandat zurückgegeben hat. Ich hatte ihn angerufen, mich als Büroleiter von DVU-Chef Gerhard Frey ausgegeben und gesagt, wir machen einen Sternmarsch durch Berlin und anschließend eine Bücherverbrennung auf dem historischen Opernplatz. Danach hat er sein Landtagsmandat zurückgegeben und das im Stern damit begründet, dass er gemerkt habe, dass er in einer rechten Partei sei. Auch der Vorsitzende des Verbands der Generikahersteller wurde zwei Wochen nach einem Interview für die "heute show" entlassen. Das war nicht Ziel dieser Aktion, aber eine Folge, die wir natürlich billigend in Kauf genommen haben.

Satire wirkt also doch?
SONNEBORN: Die Beispiele sind Folgen von Satire, die nicht von der Hand zu weisen sind. Aber im Prinzip gehen wir davon aus, dass wir nicht mit jeder Satire Wirkungen erzielen können die über ein befreiendes Lachen hinaus gehen. Wir maßen uns nicht an, mit einem Witz auch eine realpolitische Folge zu erzielen. Es geht in vielen Fällen nicht mehr darum, den Irrsinn zu entlarven, sondern ihn mit einem guten Witz ertragbarer zu machen.