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"Barbier von Sevilla" am Bielefelder Stadttheater

Premiere glänzt durch Ideenreichtum und Virtuosität

VON CHRISTOPH GUDDORF
14.12.2010 | Stand 13.12.2010, 17:51 Uhr
Daniel Billings (Figaro), Cornelie Isenbürger (Rosina) in Rossinis "Barbier von Sevilla" auf der Bielefelder Opernbühne. - © FOTO: STUTTE
Daniel Billings (Figaro), Cornelie Isenbürger (Rosina) in Rossinis "Barbier von Sevilla" auf der Bielefelder Opernbühne. | © FOTO: STUTTE

Bielefeld. Das Theater Bielefeld kann sich glücklich schätzen, mit Immo Karaman einen Regisseur gewonnen zu haben, der die Konventionen einer unabdingbaren Werktreue gehörig durchschüttelt und aus heutiger Sicht hinterfragt. Sein assoziatives "Illusionstheater", das überbordendes Erzählmaterial über Bord wirft und durch szenische, gestische und choreografische Mittel ersetzt, polarisiert – und das ist gut so. Das Libretto des "Barbier von Sevilla" verträgt es – und Rossinis Musik auch.

Karaman setzt den Fokus auf die immerfort zirkulierende Energie des Stoffes, der die Protagonisten vom listigen Wettstreit bis in die "(Gold-)Schmiede des Größenwahns" führt. Die Musik Rossinis – Ausdruck einer Mechanisierung und Künstlichkeit des Gefühls und seiner Entlarvung – spiegeln Karaman und sein Choreograph Fabian Posca auch in Bewegung und Pantomime.

Tänzer und Tänzerinnen der Ballettschule des Theaters, der German Musical Academy Osnabrück und des Performing Arts Studios Bielefeld treiben das marionettenhafte Spiel der Akteure auf die Spitze. Selbst die raffiniert-reduzierte Kulisse (ebenfalls Karaman und Posca), ist ständig in Bewegung, ist Mitakteur. Wie die Musik, die sich hier der unkonventionellen Inszenierung unterzuordnen scheint. Die Bielefelder Philharmoniker unter Leitung von Leo Siberski paraphrasieren größtenteils das Geschehen, selbst Rezitative und Arien werden vereinzelt vom Akkordeon (Anastasiya Shkindzerava) begleitet.

Solistenensemble setzt Glanzpunkte

Ein pfiffiger, da die Handlung vorantreibender Regieeinfall ist "Herr Helmuth" (Helmuth Westhausser), der einige Szenen und Rezitativteile moderiert, kommentiert und übersetzt und das Geschehen (teils gemeinsam mit den Akteuren) zu "Zwischenspielen" verdichtet. Die Ouvertüre lässt Karaman Hand in Hand gehen mit einer szenisch skizzierten Darstellung der Vorgeschichte Rosinas (Tod des Vaters und der Mutter, Aufnahme bei Dottore Bartolo).

Die Liebe zum Detail macht auch vor dem schauspielerischen Anspruch für Sänger und Tänzer nicht Halt. Meist in Bewegung, werden sie in einigen Szenen zur erstarrten Staffage. Das Solistenensemble setzt einige Glanzpunkte, sei es Eric Laporte, der mit Leichtigkeit und individueller Stimmvarianz in drei Rollen schlüpft (Graf Almaviva, Soldat, Musiklehrer "Don Alonso"), Daniel Billings mit einem frechen, prahlhansigen Figaro, Jacek Janiszewski als kleinkariert-hölzerner Doktor Bartolo, Cornelia Isenbürger als verletzliche, aber willensstarke Reizfigur Rosina.

Torben Jürgens mimt hingegen den verklemmten Basilio mit beklemmender Authentizität. Während die Rolle der Kammerdienerin Berta (Sünne Peters) etwas kurz kommt, darf Dirk Mestmacher indes gleich vier Rollen verkörpern (Fiorillo, Ambrosio, Offizier, Notar). Er gewinnt jeder einzelnen ihre verschieden motivierten Züge ab, Züge, die sich bei letztlich allen Protagonisten in der Gier nach Geld (das in leichten Scheinen vom Himmel herabregnet), Liebe, Macht und dem eigenen Vorteil münden – ein zutiefst menschlicher Makel.

Dass die Premieren-Aufführung ihre Makel hatte (und die Soufflage allzu oft störend zu vernehmen war), ist angesichts der Komplexität der schauspielerischen, sängerischen und der Inszenierung geschuldeten Anspruchs kaum zu bemängeln, einer Inszenierung, die an Ideenreichtum, Virtuosität und Konsequenz ihresgleichen sucht. Dem tun neben breiter Zustimmung auch einige Buhrufe keinen Abbruch.

Weitere Aufführungen: 14. 12., 25. 12., 6.1; Karten: Tel. (0521) 555-444.

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