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Aufwühlende Inszenierung von Strauss’ "Salome" am Bielefelder Theater

Spirale der Einsamkeit

VON CHRISTOPH GUDDORF
18.10.2010 | Stand 17.10.2010, 19:13 Uhr
Sabine Paßow ( Salome), Albert Bonnema (Herodes). - © FOTO:MATTHIAS STUTTE
Sabine Paßow ( Salome), Albert Bonnema (Herodes). | © FOTO:MATTHIAS STUTTE

Bielefeld. Ein Drama, das nach Musik schreit, eine Musik, die zum Himmel schreit und Protagonisten, die der unerbittlichen Spirale von religiösem, sexuellem und emotionalem Fanatismus verfallen sind und dieses unaufhörlich aus sich herausschreien. "Salome", von Richard Strauss nach der Vorlage Oscar Wildes in ein Klang-Korsett gepresst, das jeden Moment zu platzen droht, ist ein Stoff, der die Extreme sucht – poetisch, menschlich, musikalisch.

Die Inszenierung Helen Malkowskys am Bielefelder Theater lässt die prallen Farben seelischer und materieller Gestalt durch die Musik sprechen und beschränkt sich auf ein emotionales Konzentrat aus Schwarzweiß-Kontrasten in Form schlichter Kostüme (Tanja Hofmann) und Bühnenbilder (Harald B. Thor).

Wie ein Fingerzeig auf die biblische Geschichte der Babylonier ragt aus der Mitte der Bühne ein spiralförmiger Turm empor, der als Plattform für das Spiel der Protagonisten dient. Diese Verbindung zum Himmlischen wird später unterbrochen: Zurück bleibt eine ins Nichts führende Rampe, von der schlussendlich der Kopf des Jochanaan rollt und Blut hinab rinnt – einer der aussagekräftigsten Momente der Inszenierung.

Das Blut des Propheten nimmt im weiteren Verlauf eine verknüpfende Rolle ein – es stürzt herab vom Himmel, wird zum Wein für Herodes, zum "Weihwasser", in dem sich Salome und Herodias suhlen. Die von Herodes geladenen Festgäste erscheinen als mit weißen Gewändern und Kopfbedeckungen behangene Staffage, die königlichen Throne als überdimensionierte Stühle, die es zu erklettern gilt.

Der Tetrarch Herodes wird mit zaudernd-debiler und altersgeiler Zeichnung der Lächerlichkeit preisgegeben, seine Frau Herodias – hyper-hysterisch und mit grellem Ausdruck: Rebecca de Pont Davies – mit all ihrer Berechnung gescheitert, dem Selbstmord überlassen.
Jochanaan erhält bisweilen die (von Strauss assoziierte) Narrenkappe und schwankt zwischen frommer Erhabenheit und menschlichen Gelüsten. Um diese nicht ertragen zu müssen, sticht er sich die Augen aus: ein Effekt, der sich später bei Salome wiederholen soll.

Der Titelfigur gewinnt Sabine Paßow alle Ambivalenz von sexueller Lust und dem Sehnen nach Askese ab, von zartester Jungfräulichkeit bis hin zu brachial-lüsternden "Femme fatale"-Ausbrüchen. Atemberaubend! Hans Christoph Begemanns Jochanaan ist von (beinahe) unumstößlicher Würde und Kraft, Albert Bonnema verleiht dem zwischen Propheten- und Hormonhörigkeit wankenden Herodes eine wunderbar wahnsinnige, klägliche Note. Da passt ins Bild, dass er (verbundenen Auges) in der verzweifelt mitspielenden Herodias seine Stieftochter vermutet, die indes ihren "Tanz der sieben Schleier" allein vor seinem Thron verrichtet.

Alles in allem kann die Inszenierung durch Schlüssigkeit überzeugen, was nicht zuletzt an einer geschlossenen Ensembleleistung und den unter Kalajdzics Leitung wie entfesselt aufspielenden Philharmonikern liegt, die das Werk bis in den letzten düsteren Winkel mit äußerster Farbenpracht ausleuchten. Am Ende langanhaltender Beifall, Bravorufe von den ausverkauften Rängen, vereinzelte Standing ovations.

Weitere Aufführungen: 26. November; 3., 8. Dezember; 8., 13., 30. Januar. Karten: (0521) 51 54 54.

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