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Harald Gieche (v. l.), Therese Berger, Georg Böhm und Nicole Lippold in Orazio Zambellettis Inszenierung. - © FOTO: PHILIPP OTTENDÖRFER
Harald Gieche (v. l.), Therese Berger, Georg Böhm und Nicole Lippold in Orazio Zambellettis Inszenierung. | © FOTO: PHILIPP OTTENDÖRFER

Mäßige Vorstellung: "Mein Teppich ist mein Orient"

Uraufführung in Bielefeld

VON JOHANNES VETTER
20.09.2010

Bielefeld. Als szenische Lesung hatte das Stück von Björn Bicker vor zwei Jahren in Heidelberg Furore gemacht. Die Süddeutsche sah den "Wahnsinn des Alltags". Im neu bestuhlten Theater am Alten Markt erntete die Uraufführung als Theaterstück mit Regisseur Orazio Zambelletti nur mäßigen Applaus. Dabei standen die Zeichen gut.

Fünf verdiente Mimen des Bielefelder Theaters, unter denen Stefan Imholz herausragte; ein sichtlich aufgeschlossenes Publikum, sensibilisiert durch die Einlassungen eines Ex-Bundesbank-Vorstandes. Doch wie in Sprintwettbewerben vereitelt auch im Theater ein misslungener Start alle Siegeschancen. Der Prolog des Herrn Yildiz (Stefan Imholz), obwohl mimisch und gestisch recht effektvoll, erwies sich als verunglücktes Entrée: Über den "Migrationshintergrund" des deutschen Staatsbürgers hätte knapper und pointierter monologisiert werden können, und es stellt sich Frage, ob dem Stück ohne Prolog Entscheidendes gefehlt hätte.

Hartmut Wildermann und Gattin Maria handeln mit Orientteppichen. Nach der Wende stösst "Ossi" Sven hinzu nebst Gefährtin Nadine mit neurotischem Kinderwunsch. Insolvenz droht. Hartmut will den maroden Laden Sven überschreiben; der aber lehnt ab. Hartmut fällt ins Koma und stirbt. Maria, deren erotische Angebote von Sven zurück gewiesen werden, ergreift die Initiative, engagiert Herrn Yildiz als Liquidationsprofi mit brillant großem Mundwerk und begleicht alte Rechnungen.

Therese Berger auf verlorenem Posten

Alle verschwören sich gegen Sven, und der Ehrliche ist der Dumme. Bei der Verkörperung der notgeilen, intriganten Maria steht die sprachgewaltige Therese Berger auf ziemlich verlorenem Posten. Harald Gieche fehlt der inszenatorische Raum, dem mit großen Träumen gestarteten und unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandeten Hartmut Wildermann die tragisch-banale Aura des Gescheiterten zu verleihen. Wunderbar allerdings seine Mafioso-Schuhe (Ausstattung: Jürgen Höth). Den sanften und zugleich blindwütigen Sven portraitiert Georg Böhm als dankbaren "good boy" aus dem Osten, der es nicht fassen kann, dass es die Welt nicht gut mit ihm meint.

Nicole Lippold ringt der nach Mutterglück gierenden Nadine durchaus komische Züge ab und bricht das Manische auf die Ebene des Boulevards herunter. Stefan Imholz hatte das Glück, in einer Rolle zu glänzen, die ihm auf den Leib geschrieben ist. Er spielt die Hauptrolle und fungiert zugleich als Regisseur der Tragikkomödie, gibt Lichteinsätze und verteilt die Rollen neu. Ein öliger Charakter, Marketing-Ass, quasi ein fleischgewordener Hochglanzprospekt. Er ist die Knall-Charge, schlaksig, ein groteske Mischung aus Eloquenz, Großmäuligkeit und Charme.

Die Inszenierung bleibt inkonsequent. Der "bürgerliche Totalschaden, in dem Politisches und Privates heillos ineinander wuchern", wie es verheißungsvoll im von Bernhard Krebs redigierten Programmheft heißt, mag in den Köpfen der Theatermacher stattgefunden haben. Auf der Bühne ist das Heillose nicht angekommen. Alltag ja, aber kein Wahnsinn.

  • Weitere Termine: 29. September, 6. und 9. Oktober, 2., 9. und 10. Dezember, 14. Januar. Karten: (0521) 51 54 54.