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Carmina ohne Fortuna

Open-air-Spektakel im Ravensberger Park enttäuschte

VON CHRISTOPH GUDDORF
16.08.2010 | Stand 16.08.2010, 13:45 Uhr
Open-air-Spektakel in Bielefeld enttäuschte - © KULTUR 2
Open-air-Spektakel in Bielefeld enttäuschte | © KULTUR 2

Bielefeld. Die Abendsonne taucht die wenig monumentale Kulisse in güldenes Licht. Den Leinwand-Hintergrund bildet eine mittelalterliche Burg (wurde hier etwa das Bühnenbild aus der "Nabucco"-Inszenierung übernommen?). Den Vordergrund bestimmt die Szenerie einer Taverne, alles umrahmt von unzähligen Scheinwerfern. Vom "Stil der mystisch-dunklen Zeit" keine Spur.

Bevor im "O Fortuna" die Schönheit des Frühlings gepriesen werden soll, führt "Die Rosenberger Kapelle" mithilfe nachgebauter Instrumente des Mittelalters und Solo-Gesang in die Welt der "beurischen Lieder" ein, die Grundlage für Orffs "szenische Kantate". Possenspiel und Tanz werden hier bereits angedeutet, später geben sie der "Carmina Burana" ihre szenische Kulisse . Auf eine vermeintlich "atemberaubende Neuinszenierung", eine spektakuläre Darstellung des symbolspendenden Rads der Fortuna oder einen "imposanten Einmarsch der Mitwirkenden unter Trommelgewitter" wartet man anschließend allerdings vergeblich.

Szene aus der "Carmina Burana"-Aufführung im Ravensberger Park. Im Schein der Abendsonne werfen drei Beleuchtungskörper Schatten auf den oberen Rand des Bühnenhintergrunds. - © FOTO: BARBARA FRANKE
Szene aus der "Carmina Burana"-Aufführung im Ravensberger Park. Im Schein der Abendsonne werfen drei Beleuchtungskörper Schatten auf den oberen Rand des Bühnenhintergrunds. | © FOTO: BARBARA FRANKE

Stattdessen gerät der Prolog, die Anrufung der "Fortuna, Herrscherin der Welt", durch den spärlich besetzten Chor (der Prager Philharmonie!) fast schon zu einer Parodie ihrer selbst. Erst als der Bariton Jakob Kettner sein "Omnia sol temperat" anstimmt, ist so etwas wie Imposanz zu verspüren.

Durchaus inspiriert gelingen auch die Szenerien "Auf dem Anger" und "In der Taverne": Vor allem die Choreographien des Ballettensembles vom "Northbohemian Opera and Balley Theatre", zunächst rein musikalisch aufgenommen vom Orchester , hier vom "North Bohemian Philharmonic Orchestra" unter ihrem GMD Norbert Baxa, setzen sowohl Derbheit als auch Sinnlichkeit lebendig in Szene.
"Das Lied des gebratenen Schwans" (Countertenor Jan Mikus) und das "Lied des Abtes von Cucanien" (Kettner) werden ihrem parodistischen Duktus gerecht, auch im "Liebeshof" wird das Publikum für seine Geduld belohnt. Auch wenn in dieser Szene der erforderliche Knabenchor eingespart wird: Jarmilia Baxo (Sopran) besingt hinreißend die Verherrlichung der Jugend und der Lust (engelhaft das "Dulcissime"!), wohingegen sich Kettner im "Tempus est iocundum" mit dem virtuellen Kinderchor ein anzügliches wie quirlig-spaßiges Duett liefert.

Effekt der Lichteffekte verpufft

Nachdem in "Blanziflor und Helena" (Intermezzo mit Chor) der Venus gehuldigt wird, kehrt im Epilog mit der Schicksalsgöttin (gewandet in strahlendem Gold) unglücklicherweise die Reprise des "Fortuna imperatrix mundi" zurück, so wenig magisch-imposant wie zu Beginn, aber immerhin begleitet von zwei Feuerjongleuren. Dieser Effekt (in der Zugabe des "O fortuna" in gleicher Gestalt wiederholt) verpufft natürlich bei der herrschenden Helligkeit ebenso konsistent wie die angekündigte Lichtshow.

Selbst die versprochene Perfektion des Zusammenwirkens von Chor, Solisten und Orchester bleibt das ein oder andere Mal auf der ohnehin bestehenden musikalisch-kompositorischen Durst-Strecke und wurde zudem unterwandert von oftmaligem Mikrofongeknister oder -ausfall. Aber auch jedes vermeintliche, vom zahlreich erschienenen Publikum teuer bezahlte Spektakel hat zum Glück sein Ende. O fortuna!

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