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Nu(h)r ein bisschen bissig

Comedian Dieter Nuhr zu Gast in der Bielefelder Stadthalle

VON CHRISTOPH GUDDORF
20.04.2010 | Stand 19.04.2010, 22:34 Uhr
Nu(h)r ein bisschen bissig - © KULTUR
Nu(h)r ein bisschen bissig | © KULTUR

Bielefeld. Der Mensch sollte sich gerade in diesen von Hektik und Panik geprägten Zeiten Momente der Ruhe, Gelassenheit und Zufriedenheit gönnen. Denn der Alltag ist schnelllebig, das Leben schnell vorbei, und der Deutsche im Allgemeinen ein Nörgler, dem alles nicht gut genug sein kann. Zu dieser Einsicht ist Dieter Nuhr nicht erst mit seinem neuen Programm gelangt.

Er lässt sich von keiner Horrorvision, dem kleinen Weltuntergang für zwischendurch, aus der Ruhe bringen. Denn die nächste Katastrophe folgt bestimmt und geht so schnell wieder vorüber, wie sie gekommen ist.

Nuhrs Botschaft: Überlassen wir das positive Denken nicht den Geisteskranken. Lassen wir uns nicht von jeder neuen Katastrophenmeldung Angst und Endzeitstimmung einflößen. Aber verblüffend ist es schon: "Kaum hat der Papst Geburtstag, speit die Erde – oder ist es Kachelmanns Rache?" Denn auf jegliches Eingreifen Gottes ("Gott kann nur männlichen Geschlechts sein, sonst würde er zu uns sprechen"), könne man sich schließlich nicht verlassen, oder "hat es schon mal Sprit geregnet, wenn Sie mit dem Auto liegen geblieben sind?"

Vom Höcksken auf Stöcksken

Selbst wenn man eigentlich schon tot ist, aber noch einmal ins Leben zurückgeholt wird, ist das Licht am Ende des Tunnels doch nur "der letzte Spaß Gottes: ein Insektenvernichter" – oder ist es doch nur die innen beleuchtete Handtasche von Tchibo?

Der schlagfertige Comedian begeisterte das Bielefelder Publikum. - © FOTO: ANDREAS FRÜCHT
Der schlagfertige Comedian begeisterte das Bielefelder Publikum. | © FOTO: ANDREAS FRÜCHT

Nuhr springt von Höcksken auf Stöcksken, von den vermeintlichen Unterschieden zwischen Mann und Frau bis hin zu politischen, ethisch-moralischen und philosophischen Fragen. Inwiefern hat der Klimawandel mit der fortschreitenden Enthaarung der Achselhöhle zu tun? Entspricht die Wirtschaftskrise dem buddhistischen Befreiungsgedanken von Anspruchs- und Bedürfnislosigkeit ("Aber erklären Sie mal einem Hartz IV-Empfänger, dass er der Erleuchtung einen großen Schritt näher gerückt ist!").

Ist es im Land der Dichter und Denker so weit gekommen, dass über die Art und Weise des Urinierens philosophiert und aus einer Toilette eine Wellness-Oase gemacht wird, so dass man darauf wartet, dass sich am Pissoir "neben mir ein buddhistischer Mönch materialisiert und sagt: \'Entspannen Sie sich, ich halte das Ding."

Zuschauer entschuldigt sich und geht 

Dabei spricht nichts gegen ein gelegentliches Wellness-Wochenende ("Wellness ist, wenn Sie hinterher nicht mehr wissen, ob Sie das Obst essen oder einmassieren sollen"), um sich von den Anstrengungen (demokratischer und marktwirtschaftlicher) Wahl-Freiheit (sei es beim Kreuzchen machen oder beim Matratzenkauf) wieder zu erholen.

Zu einem Running Gag avanciert der beinahe unwirkliche Smalltalk mit einem Zuschauer aus der ersten Reihe, der sich bei Nuhr entschuldigte und verabschiedete, um nicht den Zug nach Köln zu verpassen (Nuhr: "War das jetzt eine Vision?"). Wer nicht in der ausverkauften Stadthalle war, hat einen Nuhr verpasst, der mit gewohnt unaufgeregtem Sprechduktus Spontaneität und Bissigkeit versprühte – immer getreu dem Motto: "Nuhr die Ruhe" bewahren!

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