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Die Erinnerung spielt verrückt: In der Inszenierung „Vater“ von Florian Zeller. - © Philipp Ottendörfer
Die Erinnerung spielt verrückt: In der Inszenierung „Vater“ von Florian Zeller. | © Philipp Ottendörfer

Schauspiel Bühnenstück "Vater" neu in Bielefeld zu sehen

Im Theater am Alten Markt in Bielefeld: In "Vater“ geht es um Tragik und Komik von Demenz. Autor Florian Zeller wirft einen neuen Blick auf die Erkrankung.

22.01.2023 , 07:00 Uhr

Bielefeld Es ist ein Thema, dass uns alle angeht: Demenz. Davon zeugt auch die umfangreiche Literatur, in der Angehörige und Pflegende vom Alltag mit Demenz erzählen. Was dagegen kaum vorkommt, ist die Erfahrung von Demenzkranken selbst. Wie fühlt es sich an, nach und nach Dinge zu vergessen, Menschen und Orte nicht wiederzuerkennen, die eigene Biografie zu verlieren? Genau diese Erfahrung versucht der französische Dramatiker Florian Zeller in seinem Erfolgsstück Vater nachempfindbar zu machen, das Schauspieldirektor Dariusch Yazdkhasti mit Thomas Wolff in der Titelrolle im Theater am Alten Markt in Bielefeld auf die Bühne bringt.

André ist sauer. Nicht nur hat er Scherereien mit einer diebischen Haushaltshilfe, die ihm seine Uhr gestohlen hat. Nun eröffnet ihm auch noch seine Tochter Anne, dass sie nach London ziehen und ihn alleine in Hamburg lassen will. Warum kann sie nicht sein wie ihre Schwester Elise? Die hat er sowieso viel lieber. Obwohl sie sich nicht mehr so oft meldet. Warum nicht?, fragt sich André. Und warum zieht Anne nach London? Sie ist doch eigentlich verheiratet. Nein, sie ist geschieden, schon lange. Erinnert sich der Vater denn nicht?

Nein, er erinnert sich nicht. Nicht immer jedenfalls, denn sein Gedächtnis hat Lücken. Er muss sich immer häufiger fragen, was wann passiert ist und ob überhaupt. Zieht Anne nun nach London oder nicht? Wer ist diese Frau, die gerade mit dem Hühnchen in die Küche gelaufen kommt, und warum sieht der Ehemann seiner Tochter plötzlich ganz anders aus? Ist das überhaupt der Ehemann oder der neue Freund, warum zieht Anne nach London und wo ist eigentlich seine jüngste Tochter?

Florian Zeller befragt in Vater geschickt die Zuverlässigkeit von Wahrnehmung und Erinnerung und versetzt das Publikum in die Perspektive eines Demenzkranken. Indem Zeller dem Geschehen die Eindeutigkeit versagt, wird auch unser Blick darauf Teil der Erosion von Gewissheiten. So wird aus dem Demenz-Drama ein Rätsel-Stück, in dem sich die Zuschauer fast wie in einem Mystery-Thriller oder einem Krimi auf die Suche nach der Wahrheit begeben können.

Eine filmische Adaption des Stückes unter dem Titel „The Father“ mit Olivia Colman und Anthony Hopkins in den Hauptrollen wurde gleich mehrfach oscarprämiert. Nun findet die „tragische Farce“, wie der Autor sie nennt, in Bielefeld den Weg auf die Bühne und mit ihr sowohl die Tragik als auch die Komik einer Demenzerkrankung.

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