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Literaturnobelpreisträger Peter Handke polarisiert. - © picture alliance
Literaturnobelpreisträger Peter Handke polarisiert. | © picture alliance

Stockholm Hitzige Debatte um Nobelpreisträger

Die geplante Vergabe an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke löst Protest aus. Seine Haltung zumJugoslawien-Konflikt spaltet die Gemüter.

Steffen Trumpf
04.12.2019 | Stand 04.12.2019, 09:57 Uhr

Stockholm. Trotz des besinnlichen Weihnachtsmarktes vor dem Sitz der Schwedischen Akademie in Stockholm dürfte dem Literaturnobelpreisträger Peter Handke kaum ein entspannter Auftritt ins Haus stehen. Denn die Debatte um die Nobelpreisvergabe an den Österreicher hat weit über Schweden hinaus den literarischen Herbst bestimmt. Grund ist Handkes polarisierende Haltung zum Jugoslawien-Konflikt. Handke hatte sich stark mit Serbien solidarisiert und nach Ansicht von Kritikern die von Serben begangenen Kriegsverbrechen bagatellisiert oder geleugnet. 2006 hielt er bei der Beerdigung des sechs Jahre zuvor gestürzten serbischen Führers Slobodan Milosevic eine Rede. Parallel zur pompösen Preisübergabe wurden nun Proteste gegen Handke angekündigt. Handke soll sich bei den Opfern des Völkermordes entschuldigen Eine Reihe von Organisationen um die Gesellschaft für bedrohte Völker forderte das Nobelkomitee der Schwedischen Akademie auf, Handke dazu zu bringen, sich öffentlich bei den Opfern des Völkermordes von Srebrenica und Bosnien zu entschuldigen. Wenn er nicht zu einer Entschuldigung bereit sei, solle das Komitee darauf bestehen, dass er auf den Preis verzichte. Andere verstehen nicht, warum der Schriftsteller in diesem Maße an den Pranger gestellt wird. In einem Offenen Brief formulierten in Österreich im November rund 120 Autoren, Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Künstler ihr tiefes Unbehagen darüber. Die Kritik an Handke habe „längst den Boden vertretbarer Auseinandersetzungen unter den Füßen verloren", hieß es dort. „Sie besteht fast nur noch aus Hass, Missgunst, Unterstellungen, Verzerrungen und ähnlichem mehr." Sympathien habe er niemals für Milosevic geäußert, sagt der Dichter Der kritisierte Preisträger selbst gab sich vermehrt dünnhäutig, schweigen tat er aber nicht. In einem Interview sagte er, es sei um „Gerechtigkeit für Serbien" gegangen. „Kein Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar, kein einziges. Das ist Literatur", betonte Handke. Sympathien habe er niemals für Milosevic geäußert. „Ich habe mich keinen Augenblick verbeugt, weder innerlich noch äußerlich." Der Zerfall Jugoslawiens zu Beginn der 1990er Jahre war mit einer Serie von äußerst blutigen Kriegen zwischen Serbien und anderen Nachfolgestaaten einhergegangen. Allein in Bosnien gab es 100.000 Tote und zwei Millionen Vertriebene. Auch wenn alle Seiten Kriegsverbrechen begingen, belegen Erkenntnisse der Zeitgeschichtsforschung sowie die Rechtssprechung des Internationalen Jugoslawien-Tribunals in Den Haag, dass die Kriege von Milosevic geplant und initiiert wurden, dass die meisten und schwersten Gräuel auf das Konto seiner Kriegsmaschinerie gingen. Der wohl wichtigste lebende Schriftsteller Österreichs Handke gilt mit seiner poetischen Sprache und dem Umfang seines Werks als der wohl wichtigste und prominenteste lebende Schriftsteller Österreichs. Seit seinem 1966 erschienenen Debütroman „Die Hornissen" hat er sich mit Werken in verschiedenen Genres als einer der einflussreichsten Schriftsteller der europäischen Nachkriegszeit etabliert, sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees, Anders Olsson, bei der Bekanntgabe.

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