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Abstrakte Gestalthaftigkeit: Das Krallenwesen („Le Grifu", 1952) von Germaine Richier scheint aus einer gebückten Position hochzuschrecken. - © Andreas Zobe
Abstrakte Gestalthaftigkeit: Das Krallenwesen („Le Grifu", 1952) von Germaine Richier scheint aus einer gebückten Position hochzuschrecken. | © Andreas Zobe

Kultur Auguste Rodin und sein Einfluss auf die zeitgenössische Kunst

Mit „L’homme qui marche“ präsentieren Friedrich Meschede und Jutta Hülsewig-Johnen eine letzte gemeinsame Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld.

Judith Gladow
08.11.2019 | Stand 08.11.2019, 11:57 Uhr

Bielefeld. Das Fragmenthafte, das Raue, das Fragile, Agile, Abstrakte und damit auch Sperrige in der zeitgenössischen Kunst lässt sich in seinen Freiheiten unter anderem auf die Traditionsbrüche zurückführen, die vor rund 140 Jahren ein gewisser Auguste Rodin gewagt hat. Dieser Weg ist in der neuen Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle zu sehen, die sich den „Schreitenden", Rodins „L’homme qui marche, zum Titel gemacht hat. Die Skulpturenausstellung ist die letzte, die Kunsthallendirektor Friedrich Meschede und seine Stellvertreterin Jutta Hülsewig-Johnen zusammen präsentieren. Rodin ist auch insofern eine passende Wahl, da die beiden Kuratoren das Konzept auch als Teil zwei der Jubiläumsausstellung sehen, die sich auf Malerei konzentriert hat. Als solche solle die Ausstellung die Kunsthalle selbst einbeziehen, vor deren Tür der „Denker" von Rodin schließlich jeden Besucher begrüßt. Eingefangene Bewegung Und es solle auch „Fortsetzung des Skulpturenparks draußen sein", so Meschede. Drum fällt der Blick drinnen als erstes auf überlebensgroße Figuren von Thomas Schütte, dessen liegende Skulptur „Frau" auch das Grün neben dem Museum ziert. Insgesamt werden Skulpturen aus der hauseigenen Sammlung ergänzt durch Leihgaben, die zusammen ein stimmiges Konzept ergeben. Die eingefangene Bewegung, wie sie der „Schreitende" wiedergibt, findet sich im übertragenen Sinne in den Videoinstallationen von Joseph Beuys und Bruce Nauman. Beide nutzen auf unterschiedliche Weise ihren eigenen Körper und seine Bewegung als Skulptur. Abstrakte Gestalthaftigkeit Das Abstrahierende, „Sperrige" findet sich in ganz unterschiedlicher Gestaltung. Von Max Beckmann, der überhaupt nur acht Skulpturen geschaffen hat, sind zwei in der Ausstellung zu sehen: „Der Mann im Dunkeln" (1934) und „Tänzerin" (1935). Und dann sind da die zerbrechlich und gleichzeitig animalisch wirkenden Skulpturen von Germaine Richier. Sie war schon in den 30er Jahren eine der wenigen Frauen, die sich in dem Feld der Bildhauerei behaupten konnten. 1936 erhielt sie als erste Frau den Preis für Bildhauerei der Blumenthal Foundation in New York. Eine andere Art der Abstraktion zeigt sich in den kubistischen Werken von Ossip Zadkine, der zeitlebens ein großer Bewunderer von Rodin war. Wie auch Georg Kolbe, dessen Skulptur „Najade" unter den Trümmern des Kunsthauses Bielefeld 1944 verschüttet und fünf Jahre später ausgegraben 
wurde. Eine dynamische Klammer Der „Schreitende" selbst erwartet den Besucher übrigens am oberen Ende des Treppenhauses, scheint dem Besucher entgegen zu gehen. Ein zweiter „Schreitender" drängt am anderen Ende des Raumes in die entgegengesetzte Richtung. Diese Dopplung ist gewollt, wie Hülsewig-Johnen erklärt. „Die beiden Figuren sollen wie eine Klammer wirken und zeigen: Eine Bronzeskulptur ist selten ein Unikat." Zwischen ihnen befinden sich weitere Skulpturen von Rodin; „Der Schmerz", „Torso der nackten Muse" und „Verkrampfte Hand". Letztere trägt noch die sichtbaren Spuren der Zerstörung des Münchner Glaspalasts durch einen Brand im Jahr 1931. „Die Reflexe, die hier zu sehen sind, werden durch das geschmolzene Glas erzeugt, das sich in die Skulptur eingebrannt hat", erläutert Meschede. Der individuelle Gang als Erkennungsmerkmal Eindrucksvoll sind die Exponate von Georg Baselitz in der ersten Etage. Sie umfassen eine Schaffensperiode von 20 Jahren. „Es ist eine Werkentwicklung zu erkennen, in der vieles miteinander zusammenhängt", meint Hülsewig-Johnen. Vor allem das „Modell für eine Skulptur" (1979/80) dominiert den Raum. Der Torso ist noch figürlich, die Beine nur angedeutet auf dem Holz des Blocks, aus dem die Skulptur geformt wurde. Der Bogen zur Zukunft wird nicht vergessen: Eine der letzten Ergänzungen zur aktuellen Ausstellung ist eine Videoinstallation von Goro Murayama, die Friedrich Meschede in Japan entdeckt hat. Zu sehen ist die Animation eines „ewig Schreitenden, der mich sehr an das Sisyphos-Motiv erinnert", so Meschede. Entstanden ist Murayamas Installation bei der Entwicklung einer Software, die den individuellen Gang einer Person nutzt, um sie wie mit einem Fingerabdruck einwandfrei zu identifizieren.

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