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Interview Till Brönner freut sich auf sein Konzert in Bielefeld

Der Jazztrompeter spricht über sein bewegtes Leben als Musiker, Dozent, Radiomoderator und Fotograf.

Heike Krüger
06.11.2019 | Stand 06.11.2019, 16:00 Uhr

Herr Brönner, Sie haben Wohnsitze in Berlin und Los Angeles. Soeben ging ihre Fotoausstellung „Melting Pott" in Duisburg zu Ende – das sind drei sehr unterschiedliche Gegenden. Was reizt Sie an diesen unterschiedlichen Welten? TILL BRÖNNER: An diesen unterschiedlichen Orten rückt die Frage, wer man ist, in den Vordergrund. Es ist spannend, die eigene Person in verschiedene Kontexte zu stellen. Nicht jedes Konzert wird an jedem Ort gleich aufgenommen, es gibt Mentalitätsunterschiede. Für manche ist das, was ich mache, so etwas wie ein Soundtrack, andernorts wirkt es sehr exotisch. Das ist herausfordernd für einen Musiker, der in seiner DNA darauf geeicht ist, auf unterschiedliche Umstände einzugehen, sie widerzuspiegeln. Ich bin immer viel gereist. Das Ruhrgebiet kam vor eineinhalb Jahren fotografisch dazu und ich würde mich jetzt sogar als kleinen Ruhrgebietsexperten bezeichnen. Ich habe den Blick von außen auf diese Welt geworfen, was ich mir vor einigen Jahren nicht hätte vorstellen können. So ist das Leben. Hat es Sie gereizt, beim Fotografieren andere auf eine Bühne zu stellen und sich selbst zurückzunehmen? BRÖNNER: Die Fotografie ist in der Tat eine Alternative zu dem, was ich sonst tue. Mit einer Trompete auf die Bühne zu gehen, heißt, sich in Bestform zu präsentieren. Ich kann das nicht wiederholen. Als Fotograf kann ich in Ruhe entscheiden, was ich zeigen will. Das ist eine verzögerte und passivere Form, Kunst zu zeigen, als die, mit einem Instrument auf die Bühne zu gehen und nur eine Chance zu haben. Ihnen wird die Abwandlung eines Zitats von Miles Davis zugeschrieben, das da lautet, Trompete spielen sei das Schönste, was man angezogen erleben könne. BRÖNNER:(lacht) Miles Davis hat dem Jazz damit ein großes Kompliment gemacht. Jazz zu spielen kommt in dem Moment, wo man sich mit einem Counterpart in Rage spielt, fast einer erotischen Erfahrung gleich. Ich habe das deswegen zitiert, weil ich finde, dass ich ein Privilegierter bin, der Musik machen darf und auch noch davon leben kann. Sie wohnen in Berlin nicht weit entfernt vom legendären Jazzclub A-Trane, in dem Sie auch häufig sind. Was liegt Ihnen näher – kleine Clubs oder die große Bühne mit großem Besteck, wie etwa den Bielefelder Philharmonikern 2018 in der Oetkerhalle? BRÖNNER: Wer meine Historie sieht, kommt nicht auf eine eindeutige Antwort. Ich mag beides sehr gern und wünsche mir nur, dass beides auch wirklich gut gemacht wird. Natürlich bedeutet ein größeres Orchesterprojekt auch mehr Arbeit und mehr Geld, das man dafür ausgeben muss. Wenn man wirklich sein Herzblut reingesteckt hat, hat man am Ende das Gefühl: Das bin ich. Egal, ob es erfolgreich wird oder nicht. Und daran arbeite ich bis zur letzten Sekunde. Sehen Sie sich als eine Art Botschafter des Jazz? Und trifft Sie noch der Vorwurf mancher Puristen, Ihre Musik sei zu glatt und zu eingängig? BRÖNNER: Als ich angefangen habe in den 90er-Jahren, habe ich genau das gemacht, was ich machen wollte. Wenn dann diese Kritik kam, war ich ernsthaft verstört. Ich wollte ja niemandem wehtun, und auf einmal brach der Sturm der Puristen los, die sagten, wie kann der nur und was glaubt der denn. Irgendwann wurde mir klar, dass es mit dem Erfolg meiner Arbeit zu tun hatte. Jazz ist in deren Augen etwas, das per se nicht erfolgreich sein darf, sonst ist da was verdächtig. Heute sehe ich das entspannter. Mein Ziel ist ja gar nicht, den Jazz neu zu erfinden. Was ich erlebe, ist eine Reise, die mich immer ein Stückchen weiter zu mir selbst führt. Ein anderes Ziel habe ich nicht. Mit dem jüngsten Album „Nightfall" mit dem Kontrabassisten Diether Ilg gehen Sie so ein bisschen „back to the roots". Was haben Sie denn als Nächstes im Köcher? BRÖNNER: Gerade komme ich aus Südfrankreich zurück, wo ich ein Album mit dem Pianisten Bob James und dem Schlagzeuger Harvey Mason aufgenommen habe. Das wird ein Album, das Bob James’ jahrzehntelange Arbeit meinem Ansatz gegenüberstellt. Wir haben uns bewusst in die Abgeschiedenheit der Provence zurückgezogen, wo es außer einem Bett, einem Stuhl, einigen Mikrofonen und einem sehr guten Koch nichts gab. Das haben wir zehn Tage lang gemacht und daraus ist etwas sehr Persönliches entstanden. Im Frühjahr 2020 wird es das zu hören geben. Sie machen viele Konzertreisen und TV-Auftritte, haben eine Professur in Dresden, eine wöchentliche Radiomoderation auf Radio Klassik und jetzt noch die Fotoprojekte. Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden? BRÖNNER:(lacht) Manchmal frage ich mich das selbst. Ein freier Tag ist selten und für mich eine kostbare Angelegenheit. Meine Radiosendung, die ich mit wahnsinnig viel Spaß mache, mache ich manchmal sogar auf dem Weg zu Auftritten, etwa im Flugzeug inklusive Nebengeräuschen. Vielleicht kommt noch mal eine andere Phase, aber so lange gilt: Da, wo Till Brönner drauf steht, ist auch Till Brönner drin. Und das Privatleben? BRÖNNER: Ohne das geht’s nicht. Ich habe ja auch einen Sohn. Und wenn der mich gar nicht mehr sehen würde, das wäre schon schade. Es ist eine Frage der Organisation. In Bielefeld sind Sie im November mit Septett und Weihnachts-Jazzprogramm. Wird es vor allem viel von der 2007 erschienenen Weihnachts-CD zu hören geben? BRÖNNER: Sie setzt den Rahmen. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht für Überraschungen gut wäre. Deshalb werden einige Stücke von diesem Album anders wirken. Wir werden unterstützt von dem wunderbaren Sänger Frank McComb aus Los Angeles. Ich werde mich völlig aufs Trompetenspiel konzentrieren. Man kann sich auf eine Mischung freuen aus Weihnachten und Till Brönner, der das ganze Jahr gut funktionieren kann. Ich hoffe, dass wir an diesem Abend die Realität alle miteinander verlassen und einfach Weihnachten feiern.

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